Stufen by Christian Morgenstern


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Page 94

* * * * *

(In einem Kaffeehause.) So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor
sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich setzen und sich
unterhalten, und durch das m�chtige Fenster die drau�en hin und her
treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der Glaswand eines gro�en
Beh�lters, -- und dann und wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist
Du! Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als
sie, mit SICH selber redet, und wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt
und aus ihren nur als sie!

* * * * *

Wie tief wird doch die Kirche, wenn man die Menge betrachtet, in der sie
das eigentlich Wertvolle, das Innerliche, Namenlose wach erh�lt, diese
Menge, die unter den H�nden der Aufkl�rer zu einem platten, sich selbst
und den andern uninteressanten Haufen wird! Ja, die Kirche ist sicherlich
unsere, der Erkennenwollenden, beste Freundin. Sie ist die einzige
ebenb�rtige Gef�hrtin der Philosophie. Und was die Verirrungen beider
anbetrifft, so d�rften sie hier wie dort, wenn auch gleich ehrw�rdig, ganz
verschiedenen Charakters, gleich unertr�glich und gleich l�cherlich sein.

* * * * *

Vielleicht bin ich nur ein Bildschnitzer und nun schnitz ich Gottes
Bildnis an allem.

* * * * *

Eine szenische Vorstellung ist f�r den Kontemplativen etwas wie eine
Parade. Oder wie ein Schachspiel, gespielt mit lebendigen Puppen. Oder wie
ein Glockenspiel mit kunstvollen Figuren.

* * * * *

Aller Blick auf menschliche Dinge mu� zuletzt im Furchtbaren enden. Iwan
Karamasow lehnt diese Welt ab; und wenn er alles begriffe, die Leiden der
Kinder begreift er nicht. Wie aber -- wenn all dies Leiden zuletzt ein
Eigenleiden, ein Selbsterleiden Gottes ist! Wenn die ganze Menschheit und
jede nur irgendwie denkbare Menschheit des Alls Gott selbst ist, das ohne
Ma� gro�e schauerliche tragische Leben Gottes selbst! Nur eine Sekunde
dumpfer Ahnung Seiner, als Gott selbst, in eines Menschen Hirn .. und
scheint nicht alles aufgel�st -- nicht in eine unsagbare _Harmonie_ -- o
nein -- aber in einen nie zu erfassenden, erf�hlenden Abgrund von solcher
Schauerlichkeit und Tiefe, da� jede Anklage, jede Klage, ja jedes Urteil
verstummt. Es bleibt nur der fast unsichtbare Blitz einer fernen
Erkenntnis Seiner selbst, der mich, den Menschen, zerfressen und tot
niederwerfen w�rde, wenn er auch nur einen Grad heller, eine Sekunde
l�nger leuchtete. Aber ich glaube, diese dumpfe Selbsterkenntnis Gottes im
Menschen ist zugleich Seine einzige Selbsterkenntnis. Gott ist in der
Natur gefangen, wenn man so sagen soll. Gott ringt sich aus ihr zum Sich
Selbst erschauenden Geist empor. Der Mensch ist Gottes Kopf. Aber so wenig
wie der Mensch, wird sich Gott je selbst _erkennen_ (nur erahnen); denn er
erkennt ja nur so weit, als er Mensch ist. Menschenleid ist zugleich
Gottesleid; es scheint nur ein Wechsel des Worts und es ist doch etwas
andres, ob jenes kleine M�dchen, von dem Iwan Karamasow erz�hlt, sich als
eben dieses M�dchen die Brust mit den F�ustchen schl�gt oder ob es einen
Moment im Leben dieser selbstseienden, mit sich selbst k�mpfenden, um sich
selbst k�mpfenden Unsagbarkeit 'Gott' darstellt. Dieses M�dchen ist dort
noch b�rgerlich gesehen, g�ttlich gesehen wird es zum Mysterium, zu
liebenswert f�r unsere Liebe, wie zu tief f�r unsere Klage.

* * * * *

(Nach einem franz�sischen Roman.)

Sieh diese Liebe zweier Menschen, denen die gemeine Sorge des Lebens fern
bleibt, diese, wenn du so willst, frevelhafte Liebe, weil sie im Geheimen
und wider das Gesetz lebt, sieh diese beiden Luxusgesch�pfe, die der
Proletarier erw�rgen w�rde, wenn er wieder einmal in die H�user der B�rger
br�che, -- stelle dir dicht daneben, kaum durch eine Stra�e getrennt, das
grinsende Elend, die verst�mmelnde Krankheit, den Schmutz, die
Niedrigkeit, das Verbrechen vor -- und frage dich, was ein Gott tun m��te,
der dies nicht _alles selbst_ w�re. Nur eine Welt, die Gott selbst ist,
darf so sein, wie sie ist. Gott schenkt sich selber nichts, er ist die
Liebe jener beiden feinen verwegen gewissenlosen Kulturgesch�pfe, er ist
ihr Rausch, ein Rausch von solcher Tiefe und Sch�nheit, da� er selbst
dieser Rausch _sein_ mu�, um seinen ganzen sublimen Wert zu empfinden, da�
er er sein mu�, um ihn (m�chte ich sagen) nicht erst 'empfinden' zu m�ssen
und so ihn durch dies Empfinden, das zugleich ein Urteilen w�re -- im
Urteilen aber schl�ft auch schon das Verurteilen -- herabzusetzen; ich
sage, er ist diese Liebe selbst, wie er auch daneben das Elend, die
Krankheit, der Schmutz ist, er braucht nicht vor sich zu err�ten wie ein
feiler Gen��ling, er ist kein Dieb an fremdem Gut, er erschleicht seine
h�chsten Zust�nde nicht, er ist in schrecklicher F�lle und Wahrheit alles,
von oben bis unten, er ist das ganze Universum am 'eigenen Leibe', noch
einmal: Er darf alles sein, weil er alles _ist_. (Sp�tere Anmerkung:
Solange er nicht selbst darum 'wei�'. In diesem Moment beginnt seine --
Sittlichkeit.)

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Books | Photos | Paul Mutton | Tue 20th Jan 2026, 16:54