Stufen by Christian Morgenstern


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Page 92

* * * * *

Das eine und einzige Gebot: Du darfst alles tun, was du willst, aber
bedenke, da� du es dir selbst tust.

Wenn du meinst, es dir selbst tun zu d�rfen, so tue selbst das �u�erste.
Dies Gebot hindert kein Schaffen oder Zerst�ren. Mit diesem Gebot bist du
frei zu allem und doch wird es dich weise machen.

* * * * *

Wie kann ich schw�ren: Ich schw�re bei dem allm�chtigen Gotte, da� ich
dies nicht getan habe -- da ich doch selbst dieser allm�chtige Gott bin
und -- als ein sogenannter anderer Mensch -- es sehr wohl getan habe? Aber
ich werde das dem Richter nicht auseinanderzusetzen verm�gen; er wird
niemals begreifen, da� er wie auch der Verbrecher Eine Person mit mir ist:
und ich werde als Mensch wie ein Verr�ckter dastehen und als Gott auf mich
den Richter blicken, wie jemand auf seinen Daumennagel blickt, auf den er
ein Gesicht gemalt hat. Er spricht zu dem Daumen und sagt ihm, da� er mit
ihm eins sei, aber der Daumen versteht kein Wort von dem, was er sagt.

* * * * *

Denke dir den einfachsten Menschen der Welt, mit einer oft lebhaften,
leicht und nachhaltig erregbaren Phantasie und einiger dichterischer
Begabung, ohne hervorragende Charaktereigenschaften, aber von dem
best�ndigen Wunsch erf�llt, sich zu verinnerlichen; ein Schw�chling, ja
ein w�rdeloser Mensch mitunter, ohne ausgepr�gten Sinn f�r Moral, von
einer Sinnlichkeit, die sich wie eine feine W�rme �ber sein Leben
verbreitet, deren eigentliche Ausbr�che indessen nicht so sehr von Belang
sind, soda� man bei ihm zugleich von einer ihn h�ufig, wie die Flamme das
Licht, verzehrenden Leidenschaftlichkeit und zugleich von einer sehr
geringen F�higkeit zur Leidenschaft sprechen mag; dabei von einer
angeborenen Heiterkeit des Geistes, einer gewissen Neigung zu Spott und
Gelassenheit, vielbelesen ohne irgendwie fachlich gebildet zu sein, von
schlechtem Ged�chtnis, unge�bt und tr�ge im Dialektischen, durchdringend
nur in seiner Ausdauer, immer nur ein Ziel bewu�t oder unterbewu�t zu
verfolgen: sich in seinem Zusammenhang mit dem Au�er-Ihm zu erkennen; --
denke dir einen solchen Menschen eines Tages das Wort verstehen: Ich und
der Vater sind eins. Denke dir, wie er das Wort in sich hin und her
wendet, mehr noch, es sich hin und her wenden l��t; denn er springt auf
seine inneren Erlebnisse nicht zu, er l��t sie leben oder sterben je nach
ihrer eigenen Kraft; wie es ihn zum endlichen Bewu�tsein seiner selbst zu
bringen scheint, als w�re alles andre Blindheit, vollkommene Blindheit:
sich nicht als Gott selbst -- als das Eine und Alle, als das Einzig --
Bestehende zu sehen, als w�re es geradezu eine 'Ver-r�cktheit', sich
'Gott' gegen�ber als irgend etwas anderes, Gegens�tzliches, Seitliches,
Beigeordnetes oder gar Untergeordnetes zu f�hlen, ja die Frage 'Gott'
�berhaupt noch irgendwie zu diskutieren, als m�sse man -- _sich sich
selbst beweisen!_ 'Ihr seid alle in mir, aber in wem bin ich? -- Wer mich
hat, der hat auch den Vater. --'

Wie mich diese steten Wiederholungen einst �rgerten, wie einf�ltig und
eigensinnig sie mir erschienen; als ob ein Kind immer dasselbe
wiederholte!

Bis mir eines Abends d�mmerte, aus welchem Gef�hl heraus dieses
unerm�dliche Betonen geflossen sein mu� ...

* * * * *

Mein Tod ist meine Wahrheit, wie Dein Tod die Deinige. Wenn ich als
Individuum sterbe, bejahe ich mich als Welt. Denn mein Tod als solcher ist
dem Leben des Ganzen notwendig und da ich selbst der Teil wie das Ganze
bin, ist mein Tod mir selber notwendig. Was aber meine Notwendigkeit ist,
ist auch meine Wahrheit; denn Notwendigkeit ist h�chste Bejahung und
h�chste Bejahung Wahrheit.

* * * * *

Ich werde erst sterben, wenn ich erf�llt haben werde, was ich erf�llt
haben konnte. Gott stirbt nicht vor der Zeit. Er wacht hier auf und
schl�ft dort ein, wie es gut ist. Was str�ubst du dich gegen das, was du
dein Schicksal nennst? Siehe dir selbst ins Antlitz: Dein Schicksal ist,
da� du Gott bist. Ich sage: Gott! Aber wo uns die Wirklichkeit dieses
Wortes fa�te, da w�re unser Herz und Hirn auch schon dahin, wie ein
Bologneser Glas, das, getroffen, zu Staub zerspringt. Gott schauen ist
Tod, das wu�ten alle V�lker. Gott erraten ist Leben.

* * * * *

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Books | Photos | Paul Mutton | Tue 20th Jan 2026, 12:38