Stufen by Christian Morgenstern


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Page 91

* * * * *

Jeder Mensch ist ein neuer Versuch der Natur, �ber sich ins Reine zu
kommen.



1906


Wie die Sprache f�r uns denkt und dichtet, so auch das Leben. Es ist
interessant, zu beobachten, wie ins Rollen gekommene Verh�ltnisse sich oft
genug ohne unser weiteres Zutun vollenden wollen (z.B. ein
Liebesverh�ltnis, f�r dessen Entwickelung sich das Leben gewisserma�en
viel mehr interessiert als die Beteiligten selbst). (Kette der 'Zuf�lle'.)

* * * * *

Alles Lebendige ist umflossen vom �ther der Sinnlichkeit. Oder: Die Luft
der lebendigen Welt ist ein leicht entz�ndliches und jeden Augenblick an
hunderttausend Punkten aufflammendes Gas: Sinnlichkeit.

* * * * *

Gibt es eine sch�nere Form, an einen Menschen zu denken, als ihn 'Tag um
Tag in sein Gebet mit einzuschlie�en'? Und doch haben wir diese Form
fallen lassen m�ssen ...

* * * * *

Es gibt wenig gewaltigere Dinge, als den Schlu� des Johannes-Evangeliums.
Zuerst die dreimalige Frage an Simon Johanna: 'Hast du mich lieb?' Es ist,
als ahnte und f�rchtete Christus das ganze Papsttum voraus, die ganze
offizielle Kirche, die ihn unz�hlige Male vergessen und verraten sollte.
'Weide meine Schafe!' Eine welthistorische Szene. Und Christus verk�ndet
ihm seinen Tod. 'Und da er das gesagt, spricht er zu ihm: Folge mir nach!'
'Petrus aber wandte sich um und sah den J�nger folgen, welchen Jesus lieb
hatte ...' 'Da Petrus diesen sah, spricht er zu Jesu: Herr, was soll aber
dieser?' 'Jesus spricht zu ihm: So ich will, da� er bleibe, bis ich komme,
was geht es dich an? Folge du mir nach!' 'Da ging ein Reden aus unter den
Br�dern: Dieser J�nger stirbt nicht. Und Jesus sprach nicht zu ihm: Er
stirbt nicht, sondern: So ich will, da� er bleibe, bis ich komme, was geht
es dich an?' Keine Szene mehr, ein Mysterium: Dieses Vorbei Christi an dem
andern, dieses allerletzte Wort -- nach dem letzten -- an den Vertrauten
seiner Seele. -- 'Was geht es dich an?!' -- 'Bis ich komme. --'




WELTBILD: EPISODE, TAGEBUCH EINES MYSTIKERS

1906


Ich schrieb dies auf einem Punkte, wo der Mensch mit Gott zusammenf�llt,
wo er aufh�rt, sich als Sonderwesen f�hlen zu k�nnen.

* * * * *

Religion ist Selbsterkenntnis des menschlichen, als ebendamit g�ttlichen
Geistes. Religion ist die Erkenntnis, da� alles Denken g�ttliches Denken
ist, wie alle Natur g�ttliche Natur, da� jede Handlung eine Handlung
Gottes, jeder Gedanke ein Gedanke Gottes ist, da� Gott nur soweit Gott
ist, als er Welt ist, da� die Welt nichts anderes ist als Gott selbst, --
da� in demselben Augenblick, da ein Mensch sich seines Gott-seins bewu�t
wird, Gott in ihm sich seiner selbst als Mensch bewu�t wird.

* * * * *

Betrachte den Sternenhimmel -- alles versinkt um dich her. Wer ist er, wer
bist du. Dein Denken schweigt. Du f�hlst dich wie hinweggehoben,
zerflattern ... Wer bist du, wer ist er, wenn nicht -- Es. Das unfa�bare
Selbst, Gott, das Mysterium. Und dies Mysterium fragt in sich selbst: wer
bin ich, wer bist du. Gott fragt sich selbst in sich selbst -- und wei�
keine Antwort, erstummt in sich selbst ...

* * * * *

Wie kann es eine S�nde f�r mich geben, wenn ich Gott bin? Wenn ich meinen
Bruder erschlage, erschlage ich mich in ihm; es gibt nichts, was ich nicht
ein Recht h�tte zu tun; denn ich tue es an mir selber. Der T�ter ist
zugleich der Erleider -- vielleicht ist dies ein Fenster in mich hinein,
vielleicht erahnt sich durch dies Wort das Unvorstellbare, das wir sind
und dem gegen�ber uns nur tiefstes Grauen und Wegsehen, praktisch aber nur
dies �brig bleibt: uns als die, als die wir uns nun einmal vorgefunden
haben, innerlichst zu vollenden, gleichviel, was objektiv f�r Uns, als
Gott, damit gewonnen oder nicht gewonnen sein mag.

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Books | Photos | Paul Mutton | Tue 20th Jan 2026, 10:38