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Page 88
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Es gibt kurz- und weitsichtige Idealisten. Jene pflegen sich mit Stolz
Realisten und den anderen Teil schlechtweg Idealisten zu nennen.
1912
Die Rhetorik ist die Politik in der Philosophie. Der wirkliche Philosoph
ist nicht Politiker, sondern K�nstler. Er 'redet' nicht, er bildet, baut.
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Der Systematiker n�tigt mich, ihm seinen Weltbau nachzudenken. Er sagt:
Baue mir meine Gedankengeb�ude nach -- und mit ihm bauend werde ich selbst
zum Gedankenbaumeister. Er wendet sich an das reine Denken in mir, an den
Geist.
Der Nichtsystematiker wendet sich mehr an die -- Seele. Hegel. Nietzsche.
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Wer bei einem Denker vor allem fragt, aus welchem pers�nlichen Grunde hat
er das gesagt, -- f�gt sich selbst den gr��ten Schaden zu; denn er geht am
einzig Wesentlichen in dessen S�tzen vor�ber, daran n�mlich, ob sie wahr
in sich selbst sind oder doch sein k�nnen, oder nicht. Gewi� ist jede
Philosophie von der Pers�nlichkeit ihres Erzeugers gef�rbt und darf
dementsprechend empfunden und gew�rdigt werden; aber �ber alledem steht
ihr Gehalt an Wahrheit, der nachgepr�ft und entschieden werden kann, _ohne
Ansehen der Person ihres Urhebers_.
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Was wird einem geistigen Wanderer nicht alles angesonnen, �ber Kopf, Hals
und Schulter gesonnen! Wieviel M�he gibt man sich nicht, ihn und das
Seinige abzuleiten! Als ob ein geistiger Weg nicht aus sich selbst
verstanden werden k�nnte, m��te.
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In aller Wahrheit steckt heute notwendigerweise bereits ein Teil
Binsenwahrheit, aus dem einfachen Grunde, weil der Mensch schon lange
denkt, w�hrend die Menschen erst zu denken anfangen, also das ganze Pensum
des Menschen noch einmal zu rekapitulieren und, noch mehr, zu
popularisieren ist. Der Mensch ist nicht so von Gott verlassen, wie die
Menschen glauben, aber auch nicht immer in dem ausnehmenden Grade von Gott
erf�llt, wie sie annehmen, wenn einer einmal etwas Unerwartetes sagt.
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Die Mission der Wahrheit ist, den Menschen in Geist aufzul�sen, wie,
materialistisch gesprochen, die Mission der Zeit, den Erdball in Luft.
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Mancher wird die ihm so bequeme Joppe des Materialismus mit nichts
vertauschen wollen; es geht ihm, wie er sagt, 'der Sinn f�r Feierlichkeit'
ab.
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Abstrakte Gedanken sind zuletzt auch nichts als -- konkrete Wesenheiten;
es ist ganz umsonst, das Leben aus dem Leben heraustreiben zu wollen.
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Zu Ende denken ist alles ... Da w�re das erste, diesen Satz zu Ende zu
denken. Will man ihn zu Ende denken, so darf man ihn nicht 'zu Ende'
denken wollen. Denn alles Ende endet alles, also auch das Denken. Alles,
also auch alles Denken, endet in Gott. Gott ist, wie der Anfang, so das
Ende von allem. Etwas zu Ende denken wollen hei�t also, es bis zu Gott
hinaus denken wollen; Gott aber hat mit Denken nichts mehr zu schaffen.
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Wie dereinst die sancta simplicitas des Glaubens, so schleppt heute die
sancta simplicitas der Wissenschaft ihre Scheiter herbei, den 'Ketzer' zu
verbrennen.
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