Stufen by Christian Morgenstern


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Page 114

* * * * *

Man glaubt heut, der Mensch stamme vom Tiere ab. Wie aber, wenn umgekehrt
die Tiere Ableger der Menschheit w�ren, zur�ckgebliebene Menschheit,
voreilige, vorwitzige, und deshalb in einem zu fr�hen Zustand
festgehaltene Menschheit?

* * * * *

Jede Sch�pfung ist ein Wagnis.

* * * * *

Ich hatte mich in 'Gott' verloren. Aber Gott will nicht, da� wir uns in
ihm verlieren, sondern da� wir uns in ihm _finden_, das aber hei�t, da�
wir Christus in uns und damit in ihm finden. Da� du den Christus in ihm,
da� du dich als Christus in ihm findest.



1912.


Wer in das, was von G�ttlich-Geistigem heute erfahren werden kann, nur
f�hlend sich versenken, nicht erkennend eindringen will, gleicht dem
Analphabeten, der ein Leben lang mit der Fibel unterm Kopfkissen schl�ft.

* * * * *

Der 'Glaube' -- und dem entsprechend der Unglaube -- an Gott geh�rt einer
gewissen Periode der Menschheit an: er ist -- im tiefsten Ernst gesprochen
und den Begriff Humor so geistig wie m�glich gefa�t -- ein Kapitel ihres
unfreiwilligen Humors. Es handelt sich in Wirklichkeit allein um das von
Gott m�gliche Ma� von Wissen. Nicht um Gottesglauben, sondern
Gottesforschung, Gotteswissenschaft.

* * * * *

Der Mensch will schon lange genug wieder frei werden von der nur
f�nfsinnlichen Beschr�nkung, die zu seinem Wachstum allerdings notwendig
war, die er aber doch niemals ganz verlernt hat als ein Joch und eine
Schulung zu empfinden, daraus er eines Tages wieder hervorgehen werde, wie
er eines Tages hineingegangen ist: als einer, der aus Geisteswelten
hinabgestiegen ist und zu Geisteswelten wieder hinansteigt. Er _will_ es,
-- und wer einmal gef�hlt hat, was der Wille des Menschen bedeutet, der
wei� auch, da� vor diesem Willen, wenn der Tag der Reife gekommen, die
Tore der alten Heimat sich auftun, wie von magischer Hand ber�hrt. Er
wei�, da� alles im Himmel und auf Erden ihm entgegenw�chst, wenn es so
weit ist; da� er nicht mehr zu darben braucht, wenn das Ma� seiner
Pr�fungen voll ist. Denn war auch Kant ein gro�er Lehrer und Erzieher, wie
viele Lehrer- und Erzieherstufen sind vom Kant-Menschen noch aufw�rts, bis
dahin, wovon es hei�t: La Somma Sapienza e il Primo Amore.

* * * * *

Man denkt und empfindet heute nicht �ber die n�chsten zehn, hundert,
bestenfalls einigen hundert Jahre hinaus. Als ob uns, Erscheinungen der
Ewigkeit, die Ewigkeit unserer Zukunft nicht gerade so anginge, wie unsere
n�chsten Jahrhunderte, ja, als ob diese nicht allein aus jener richtig
bestimmt werden k�nnten.

* * * * *

Werden wir krank, weil es einem pl�tzlichen Gewitterregen oder einem
herabrutschenden Dachziegel so gef�llt? Oder weil unsere Eltern krank
waren oder weil rings um uns Krankheit herrscht? Oder weil wir uns selbst
die Krankheit irgendwie verschrieben haben, auf da� sie uns von etwas
Schlimmerem, von einer Leidenschaft, oder einem Irrtum etwa -- heile? Vor
der Geburt schon verschrieben, aus einer, obzwar nicht minder
individuellen aber zugleich viel h�heren Weisheit und Erkenntnis, als
deren wir uns in unserer gegenw�rtigen Wiederverk�rperung bewu�t sind?

* * * * *

Man spricht gern von dem sinnlosen Tod eines Einzelnen, von den
unschuldigen Opfern einer Katastrophe. Aber besser w�rden nur solche
Anschauungen als sinnlos oder unschuldig empfunden. Man sollte sich des
Wortes Sinnlosigkeit vor und in einem Kunstwerk, wie es das All ist,
entschlagen und sich zwingen, das Verst�ndnis einer jeden Erscheinung
lieber vergeblich heranzuwarten, als sie als alogisch zu verleumden,
innerlichst davon durchdrungen, da� am Ende doch mehr Weisheit im Kosmos
herrschen d�rfte, als dem eigenen Kopf just offenbar, ja, da� ein Kosmos
sinnvoll nach dem Sinne solches Aburteilens und Besserwissens aufgebaut,
sicherlich schon in seinem allerersten Anfange wie ein Kartenhaus
zusammengest�rzt w�re. Was, ebenso, die Unschuld der Opfer anbetrifft, so
kann ein Mensch nicht deshalb kurzerhand unschuldig genannt werden, weil
er einer Katastrophe zum Opfer f�llt. Er hat freilich gemeinhin vorher
nicht gestohlen, aber selbst das Durchschnittsbewu�tsein glaubt -- gesetzt
es handelt sich nicht um Kinder -- so leicht nicht an einen schlechtweg
schuldlosen Menschen. Ein h�heres Bewu�tsein verwirft den Begriff der
Schuldlosigkeit ganz, vorbeh�lt jedoch noch die Unschuld des Kindes. Eine
dritte Einsicht wei�, da� auch dem Kinde nicht Unschuld, im letzten
Verstande, zugesprochen werden kann, da es als seelisch-geistiges Wesen
keine Neugeburt, sondern eine Wiederverk�rperung ist, also ein volles Ma�
von eigenem Menschlichen vom ersten Tag an in sich birgt und weiter
auszuwirken hat. F�r dies Bewu�tsein gibt es keine unschuldigen
Opfer, keinen sinnlosen Tod, ihm l�st sich alles in von allertiefstem
Sinn durch- und �berwaltete -- wenn auch deshalb nicht weniger
tragische -- Enwickelung auf.

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Books | Photos | Paul Mutton | Thu 22nd Jan 2026, 6:57