Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 9

Agathe schwieg. Sie wu�te nichts zu sagen. Halb war sie erstaunt, halb
von ihren qu�lenden Gedanken abgezogen. Sie stand auf und verabschiedete
sich.

* * * * *

Sie a� bei einer alten Verwandten zu Mittag, schrieb dann mehrere Briefe
und bestellte den Wagen, um nach Randersacker zu fahren. Als sie der
alten Dame sagte, da� sie zu Ursanner wolle, bekreuzigte sich diese und
sch�ttelte entsetzt den Kopf.

Achim Ursanner war der Sohn eines Flu�baumeisters, eines angesehenen und
in seinem Fach t�chtigen Mannes. Seine Mutter war eine Franz�sin
gewesen, aber gerade diesem Umstand verdankte er eine fast trotzige
Liebe f�r sein Vaterland, f�r deutsches Wesen und deutsches Leben. Er
hatte die Rechte studiert und dem Wunsch seines Vaters gehorsam die
Laufbahn eines Staatsbeamten gew�hlt. Sein Talent, seine Tatkraft wie
auch einflu�reiche Verbindungen brachten ihn rasch in die H�he, und mit
drei�ig Jahren war er bereits Kabinettschef im Ministerium. An dieser
Stelle machte er sich zum erstenmal durch ein reforms�chtiges Treiben
unliebsam bemerkbar, aber je mehr man diese Eigenschaft bek�mpfte, je
st�rker trat sie hervor. Es erregte Aufsehen, als er nach vielen
Bem�hungen die Wiederaufnahme eines Prozesses durchsetzte, in dem nach
seiner Meinung ein ungerechtes Urteil gef�llt worden war; es erregte
nicht minder Aufsehen, als er in einer Druckschrift gewisse M�ngel der
Justiz und der Verwaltung r�cksichtslos an den Pranger stellte, und bald
begn�gte er sich damit nicht mehr, sondern ging dem Schlendrian der
Beh�rden, der Bestechlichkeit der Beamten, dem Servilismus der
Hofschranzen, der Verbr�derung der Profitmacher und der Nachl�ssigkeit
in der F�hrung �ffentlicher Gesch�fte mit einer solchen Wut und
Bitterkeit zuleibe, da� er eines Tages kurzerhand den Abschied erhielt
und der K�nig ihm befehlen lie�, die Hauptstadt zu meiden. Seine Frau,
eine M�nchener Kaufmannstochter, die er ein Jahr zuvor geheiratet und
die ihn durch Anmut und leichte Lebensart bezaubert hatte, war bei
dieser Nachricht wie aus den Wolken gefallen, denn sie hatte sich um
das, was ihn erf�llte und gef�hrdete, nicht im geringsten bek�mmert.

Es hatte begonnen als ein Funken; vielleicht mit einem �rger, vielleicht
mit dem Erstaunen �ber eine vers�umte Handlung der Billigkeit; der
Widerstand, den sein m�nnliches Eingreifen erfuhr, hatte ihn erhitzt.
Nach und nach mu�te er wahrnehmen, da� er einem solchen Widerstand
�berall dort begegnete, wo er das Unrecht in Recht verwandeln wollte,
da� es der Widerstand der Tr�gen, der Aufruhr der Bequemen war. Jetzt
wurde ihm Lebensziel, was vorher nur Wallung gewesen. Sein ganzes
Inneres entflammte sich gegen eine zerr�ttete, verdorbene, faulende
Welt.

Er ging in die Heimat. Seine Frau folgte ihm, mi�vergn�gt durch die
Aussicht auf dauernde l�ndliche Langeweile und emp�rt durch den
erzwungenen Verzicht auf ihre gesellschaftliche Stellung in der gro�en
Stadt. Die Seinen empfingen ihn kalt. Der Vater gr�mte sich �ber den
Zusammenbruch der Hoffnungen, die er auf den einzigen Sohn gesetzt, zu
Tode; die Mutter war verst�ndnislos und den Einfl�ssen geistlicher
Berater unterworfen. Ursanner nahm dies alles hin. Er publizierte eine
Rechtfertigung, die eine gl�hende und beispiellos k�hne Anklage gegen
die Regierung war. Er nannte sich herausfordernd den Deutschen; die
Deutschen, an die er sich wendete, von Mal zu Mal freier, gesammelter,
bewu�ter und beredter, denen er den Wurzelfra� ihres nationalen Haders,
ihrer Kleingeisterei, ihrer Verlogenheit und Selbstgen�gsamkeit
aufdeckte, nannten ihn den Feind. Er war so gef�rchtet als geha�t. Das
Brandmal eines Verr�ters haftete ihm an, in dessen Seele die hei�este
Liebe f�r sein Land und f�r sein Volk wohnte. Als es gar noch bekannt
wurde, da� er mit Ferdinand Lassalle in brieflichem Verkehr stand, dem
Erzketzer und Demagogen, verlie�en ihn selbst die wenigen, die bis dahin
wenn auch nicht zu seiner Sache, so doch zu seiner Person gehalten
hatten. Damals hatte sich auch Sylvester von Erfft von ihm zur�ckgezogen
-- gezwungenerma�en, um nicht selbst von seinen Freunden gemieden zu
werden.

Aber es war Achim Ursanner vom Schicksal nicht bestimmt, auf dem geraden
und zweifellosen Wege des geistigen Kampfes zu bleiben. Die Umst�nde
rissen ihn ins Kleine und Gemeine und verzehrten dort seine Kraft. Ein
Jahr nach dem Tod des Vaters starb auch die Mutter. Bei der
Testamentser�ffnung stellte sich heraus, da� sie einen Teil des
Grundbesitzes, einen Weinberg und mehrere �cker, dem nahegelegenen
Karmeliterkloster vermacht hatte. Achim Ursanner bestritt die G�ltigkeit
dieser Schenkung und strengte einen Proze� gegen das Kloster an. Sein
Einspruch wurde zur�ckgewiesen; er appellierte; er brachte Zeugnisse
bei, die kl�rlich bewiesen, da� seine Mutter in ihren letzten
Lebenstagen in getr�bter Geistesverfassung gewesen. Der Proze� lief von
Instanz zu Instanz und kostete Geld �ber Geld. Indessen hatte sich
Jakobe, seine Frau, innerlich von ihm abgekehrt. Ihr Betragen gegen ihn
wurde feindselig und sein Schmerz war gro�, als sie es nicht mehr vor
ihm verbarg, da� sie mit den Karmelitern im Einverst�ndnis war und in
ihm, wie die M�nche sie gelehrt, eine Art von b�sem D�mon erblickte. Als
er eines Tages von der Stadt zur�ckkehrte, war Jakobe mit den beiden
Kindern verschwunden. Er liebte die Kinder bis zur Verg�tterung, und von
der Stunde ab war sein einziges Bestreben, wieder in ihren Besitz zu
gelangen. Er verwandte darauf seine ganze Umsicht und Energie, alle
Erfindungsgabe und allen Mut. Die Spuren der Fl�chtigen zogen ihn nach
den verschiedensten Gegenden des Landes, ja bis nach Tirol und Verona.
Diese Reisen, das Aufgebot von Helfern und die Besoldung der Advokaten
verschlangen nahezu sein ganzes Verm�gen, und obgleich der Kampf, den er
im Finstern und gegen die Finsternis f�hrte, sein Herz zermalmte,
erlahmte der Wille nicht. Nach dreizehnmonatlichen Fahrten entdeckte er
Jakobes Aufenthalt. Sie befand sich in einem Dorf in der N�he von Nancy,
in der Wohnung einer Generalswitwe, und von dort fuhr sie bisweilen nach
Paris, um sich zu zerstreuen. Nachdem Achim das Versteck gefunden, traf
er alle Vorbereitungen, um die Kinder zu rauben, und als Jakobe wieder
einmal von ihnen wegfuhr, wartete er den sp�ten Abend ab, stieg durch
ein Fenster in das Haus, nahm die schlafenden Kinder, von denen das eine
sieben, das andere sechs Jahre alt war, aus den Betten und entfloh mit
ihnen, ohne da� er gesehen wurde. Ein Wagen zum n�chsten Bahnhof stand
bereit, und zwei Tage darauf befand er sich mit den beiden Kindern
wohlbehalten in Randersacker. Aber jetzt erst erhob sich die wahre H�lle
gegen ihn. Jakobe rief die Gerichte an. Er konnte erh�rten, da� ihn
sein Weib ohne Rechtsgrund verlassen, da� sie ihm die Kinder b�swillig
genommen und da� er in erlaubter Notwehr gehandelt, als er sich wieder
in ihren Besitz gesetzt hatte. Neue Prozesse kamen in Gang. Das
Schlimmste war, da� die Bev�lkerung gegen ihn aufgehetzt wurde. Er
konnte kaum mehr wagen, auf die Stra�e zu gehen. Die F�lle der
Verleumdungen, der Beleidigungen und des niedrigsten Unflats machte ihn
krank vor Ekel. Sein Haus glich einer Festung. Er mu�te von weit her und
gegen hohes Entgelt Leute kommen lassen, die ihm dienten und seine
Kinder besch�tzten. Er mu�te t�glich und st�ndlich gewappnet sein gegen
den Andrang eines verrohten und mi�leiteten P�bels.

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Books | Photos | Paul Mutton | Sun 30th Nov 2025, 4:31