Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 10

So standen die Dinge um Achim Ursanner, als Agathe sich anschickte, ihn
zu besuchen.

* * * * *

Das Haus lag auf einem H�gel, und ein Schlangenweg f�hrte hinauf. Agathe
lie� den Wagen unten halten. Es fiel ihr auf, da� zwei junge Burschen am
Tor oben standen und ein Pfeifensignal gaben, als sie den Weg
hinanschritt. Jetzt erschien Achim Ursanner selbst, warf einen sp�henden
Blick auf Agathe und kam langsam h�gelabw�rts. Erst als er vor ihr
stand, erkannte er sie, l�pfte den Hut und bot ihr zum Gru� die Hand.

Er war ein ziemlich kleiner Mann von gedrungenem K�rperbau, kurzhalsig
und breitbr�stig; das Gesicht war von einem r�tlichbraunen Bart umrahmt,
und er trug eine Brille mit dicken Hohlgl�sern, hinter denen die Augen
bisweilen rasch und erregt aufblitzten. Seine Z�ge hatten einen
tr�umerischen Ausdruck, und der Mund war von fast frauenhafter
Weichheit.

�Was f�hrt Sie zu mir, gn�dige Frau?� fragte er mit tiefer, verwunderter
Stimme, w�hrend er an Agathes Seite umkehrte. Agathe sch�ttelte den
Kopf, wie wenn ihr die Antwort nicht leicht fiele. Als sie in den Hof
getreten waren, schlossen die beiden W�chter das Tor zu. Drei riesige
Doggen sprangen herbei und umschnupperten Agathe mi�trauisch. Das Innere
des Hauses zeigte Spuren der Vernachl�ssigung, die dem Auge einer Frau
nicht entgehen konnten. Von den W�nden war an vielen Stellen der M�rtel
abgefallen, Diele und Treppen waren seit langem nicht gescheuert, und
die T�rklinken waren rostblind. Ursanner schien die Gedanken Agathes zu
erraten; sein resigniertes L�cheln wollte sagen: ein Kranker putzt sich
nicht. Er geleitete Agathe in ein gro�es, niedriges Zimmer zu ebener
Erde, z�ndete, da es schon dunkel wurde, die H�ngelampe an und schaute
nun seiner Besucherin ruhig forschend ins Gesicht. In seiner Haltung, in
seinem Auge war etwas von einem L�ufer, der stille steht und sich
besinnt, etwas, wovon Agathe ahnungsvoll ergriffen wurde, so da� ihr
pl�tzlich der Grund ihres Hierseins klein und unwichtig vorkam und sie
nur mit �berwindung die Frage nach Sylvester �ber die Lippen brachte.
Sie hatte sich niedergesetzt und blickte zaghaft zu Ursanner empor. Da
er stumm blieb, f�hlte sie das Unzul�ngliche der blo�en Frage und f�gte
in mattem Ton eine Erkl�rung ihrer seltsamen Situation hinzu.

�Ich wei� nichts von ihm,� antwortete Achim Ursanner, genau wie de
Vriendts geantwortet hatte. Dann fuhr er fort: �Wir trafen uns eines
Tages in der Stadt, als ich ins Pfandhaus ging. Anfangs war er verlegen,
aber dann begleitete er mich bis hier heraus. Ich mu�te ihm von meinen
Umst�nden berichten, und er h�rte mir geduldig zu. Er bot mir Geld an,
aber ich schlug es aus. Ein Mann, der Weib und Kind hat, darf keinem
andern Mann Geld borgen. Er sagte mir, da� er reisen wolle, und ich
begl�ckw�nschte ihn dazu. Und als er fortging, versprach er, mir zu
schreiben. Er hat mir wohlgetan, es waren ein paar menschliche Stunden,
wir haben uns sogar noch geduzt wie in fr�herer Zeit, als wir beim
Regiment standen.�

�Er wollte Ihnen also schreiben?� unterbrach Agathe den hastig Redenden.

�Ja, er wollte schreiben. Sein H�ndedruck, als wir schieden, hatte auch
etwas Bindendes, und das war nicht der Fall, als wir uns vor Jahren zum
letztenmal die Hand reichten. Er hatte vielleicht eingesehen, da� er
treulos gewesen, er, gerade er, mit dessen Namen ich den Himmel gegr��t
h�tte. Aber was soll mir Reue? Ich hab' ihn ja noch immer gern, doch ein
Freund, der vor mir steht und bereuen mu�, l��t mein Herz nicht froh
werden.�

Wie ver�ndert er ist, dachte Agathe; Achim Ursanner war ihr noch
gegenw�rtig als eine Gestalt von eigent�mlicher Helligkeit, die W�rme
mitteilte und Offenheit nat�rlich machte, als ein Mann, dessen ordnender
Verstand jedem Gespr�ch einen erquickenden Flu� verlieh und dessen Humor
und stille �berlegenheit jeden Gegenstand adelte, den sein Wort
ber�hrte. So hatte sie ihn vor acht oder neun Jahren gesehen, als
Sylvester den Jugendgef�hrten in sein Haus gef�hrt hatte; jetzt aber
schn�rte sich in seiner N�he ihre Brust zusammen, und die ganze
Atmosph�re des Hauses erdr�ckte sie. Sie beugte sich weit vor, st�tzte
beide Ellenbogen auf die Knie, legte die Wangen zwischen beide H�nde und
mit ernsten Augen, zwangvoll und furchtsam zugleich, bat sie ihn, er
m�ge ihr erz�hlen, was sich in seinem Leben ereignet hatte; denn obwohl
sie vom H�rensagen mancherlei wu�te, und Sylvester bisweilen diese oder
jene Neuigkeit �ber Achim aus der Stadt mitgebracht hatte, verlangte sie
jetzt doch nach anderm Aufschlu� und sie sch�mte sich, da� sie nur
kannte, was die betr�gerische Fama verbreitet hatte.

Er willfahrte ihr. Er erz�hlte. Er ging im Zimmer auf und ab, und es
war, als spreche er zu den W�nden. Seine S�tze waren kurz, scharf,
schneidend. Jeder einzelne enthielt eine Tatsache und nichts weiter. Es
war aufregend, ihn zu h�ren.

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Books | Photos | Paul Mutton | Sun 30th Nov 2025, 5:48