Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 11

�Nun ist es soweit gekommen, da� B�cker und Kr�mer mir nichts mehr
verkaufen wollen,� schlo� er seinen Bericht; �Leute, denen ich einst
geholfen habe, spucken aus, wenn sie mich sehen. Kinder und Weiber
laufen vor mir davon. Heute habe ich sieben Drohbriefe erhalten, anonym
nat�rlich. Die Bauern werfen mir Steine auf die Acker, des Nachts
demolieren sie den Zaun und wollen meine Hunde mit vergiftetem Fleisch
umbringen. Wer mich nur gr��t, der ist schon verfemt, und es war kein
kleines Wagnis von Sylvester, zu mir zu kommen. Sie, Frau Agathe,
scheinen nicht recht gewu�t zu haben, was Sie taten. Ich bin vogelfrei.
Wer mich besudelt, verdient sich einen Gotteslohn. Ich bin wie ein Aas,
an dem sich die Raben m�sten. Nun, wir wollen sehen. Es wird sich ja
zeigen, wieweit die menschliche Niedertracht zu gehen vermag; es ist
eine wahre Begierde in mir, ihre Grenzen kennen zu lernen; so sonderbar
es klingt, ich bin immer wieder �berrascht, wenn sie sich in einer neuen
Entfaltung zeigt.�

Agathe hatte allm�hlich die Augen gesenkt und blickte wortlos zur Erde.
Hie und da lief ein Fr�steln �ber ihre Glieder, und es kam ihr vor, als
h�tte sie bis zu dieser Stunde nicht geahnt, in was f�r einer Welt sie
lebte. Ihr ward es dunkel im Gem�t, und so beredt auch ihr Schweigen f�r
Ursanner war, sie selbst nahm es f�r einen Beweis von Schw�che, ja von
Mitschuld. Sie legte die Hand �ber die Augen. Achim setzte seine
Wanderung durch das Zimmer unerm�dlich fort. An den Fenstern trug jemand
eine Pechfackel vor�ber, und die Flamme war wie ein Band gebogen.

�Wollen Sie mich nicht zu Ihren Kindern f�hren?� lie� sich Agathe
endlich vernehmen. Ursanner nickte, sie stand auf und folgte ihm durch
den Korridor �ber den Flur in den ersten Stock. Er �ffnete eine T�re
und sie blieb auf der Schwelle stehen. Die zwei blondlockigen Knaben
sa�en auf der Erde und blickten in ein Bilderbuch. In der Ecke zwischen
Ofen und Wand hockte ein alter Knecht mit der Tonpfeife im Mund und
schlief. Die Kinder waren bla� und einander �hnlich wie Zwillinge. Sie
bewegten kaum die K�pfe, als die T�r aufging, sie schauten nur schief
zum Vater und zu der fremden Frau hin�ber. Agathe trat zu ihnen, b�ckte
sich und redete z�rtlich auf sie ein. Doch sie schwiegen trotzig, und
auf den Lippen des �lteren Knaben zeigte sich ein sonderbar lauerndes
L�cheln. Ratlos sah Agathe Achim Ursanner an, und sie bemerkte, da�
seine Z�ge sich verfinstert hatten und da� sein Mund zuckte. Sie erhob
sich. �Ich mu� jetzt gehen,� sagte sie, �ich m�chte am Abend zu Hause
sein. Werden Sie mir Nachricht geben, wenn Ihnen Sylvester schreibt?�

�Das werde ich, Frau Agathe, das werde ich unbedingt,� versicherte
Ursanner in seinem treuherzigen Ton. �Und wenn Sie erlauben, will ich
auch Ihren Besuch erwidern, sobald ich aufatmen kann,� f�gte er hinzu;
�mir ist, als m��te ich Ihnen danken, und vielleicht darf ich's, denn
sind Sie auch nicht meinetwegen gekommen, so wei� ich doch, da� Sie ein
zweitesmal meinetwegen kommen w�rden. Stimmt es?�

�Es stimmt,� antwortete Agathe, und sie selbst f�hlte etwas wie
Dankbarkeit. Er begleitete sie hinunter zum Wagen; die drei gro�en Hunde
standen um ihn her, und ihre Augen gl�hten aus der Dunkelheit. �Was
raten Sie mir zu tun?� fragte Agathe, w�hrend ihre Hand schon den Griff
der Wagent�re gefa�t hatte.

�Wenn ich mir den Eindruck zur�ckrufe, den Sylvester auf mich machte, so
mu� ich sagen, er ist auf keiner guten Bahn,� entgegnete Ursanner. �Es
ist am besten, wenn Sie ganz stille bleiben. Seien Sie gro�m�tig. Es
gibt im Leben jedes Mannes eine Zeit, wo er Gott verliert, und wenn er
da einen Menschen hat, der ihn liebt, was ist nat�rlicher, als da� der
ein wenig Gottes Rolle �bernimmt? Ich h�tte nicht gedacht, da� zwischen
euch beiden solche Dinge passieren k�nnten, aber eine Ehe ist f�r den
Dritten so ziemlich das Geheimnisvollste auf der Welt. Und Mann und
Weib, was wissen sie voneinander? Die N�he macht grausam, die Ferne
blind, Gef�hle sind verge�lich, Worte Luft. Und trotzdem, glauben Sie
mir, wird mit einem Wort oft viel erreicht. Manchmal, wenn ich so zwei
Leutchen zanken h�rte oder einander stumm zerfleischen, war ich
versucht, ihnen zuzurufen: Kinder, warum sagt ihr euch denn nicht das
richtige, gute Wort? So geht's mir auch im Theater, wenn die
Herrschaften einander Szene machen. Es ist sehr viel Freiwilligkeit in
dem B�sen, das Eheleute einander zuf�gen, und jede Liebestat will sich
r�chen durch eine Hassestat. Seien Sie gro�m�tig.�

Mit fast ungest�mer Bewegung streckte Agathe dem Freunde die Hand hin,
und er pre�te sie fest in der seinen. Dann stieg sie ein, nickte noch
einmal aus dem Fenster, und die Pferde zogen an.

Agathes Herz war schwer. Sie konnte die zwei Kinder nicht vergessen, das
sonderbar lauernde L�cheln des einen Knaben, den schlafenden Knecht
hinterm Ofen und Achim Ursanners zuckenden Mund. Es lag f�r sie eine
Unheilsverk�ndigung in dem Bild, und ihr d�nkte, sie sei mit dem
nahenden Unheil verkettet.

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Books | Photos | Paul Mutton | Sun 30th Nov 2025, 6:52