Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


Main
- books.jibble.org



My Books
- IRC Hacks

Misc. Articles
- Meaning of Jibble
- M4 Su Doku
- Computer Scrapbooking
- Setting up Java
- Bootable Java
- Cookies in Java
- Dynamic Graphs
- Social Shakespeare

External Links
- Paul Mutton
- Jibble Photo Gallery
- Jibble Forums
- Google Landmarks
- Jibble Shop
- Free Books
- Intershot Ltd

books.jibble.org

Previous Page | Next Page

Page 47

Sie rasteten in einem von Franzosen verlassenen Biwak. Zeitungspapier,
Proviantreste, Waffen, Kleidungsst�cke und zersplitterte Granaten lagen
umher. Sylvester schrieb auf der Trommel des Tambours einen Brief an
Agathe. Dann bereitete er sich unter einem Birnbaum ein Bett aus
Zeltdecken. Der Regen durchn��te ihn bis auf die Haut, und er konnte
nicht schlafen. Im Norden war der Horizont ger�tet. Um ein Uhr nachts
wurde alarmiert. Sie zogen weiter. Flammengarben spr�hten �ber den
Himmel. Von allen Seiten marschierten Truppen heran. Die von der
fortw�hrenden Spannung und Erwartung mehr als von den Strapazen
erm�deten Soldaten f�hlten, da� die Stunde der Entscheidung angebrochen
sei. In der N�he des Dorfes Buzancy stie�en sie zu ihrem Bataillon.
Einige J�ger warfen heimlich die Spielkarten fort, mit denen sie sich in
den Quartieren die Zeit vertrieben hatten. Sylvester versp�rte ein
kaltes Rieseln l�ngs der R�ckenrinne, aber sein Herz blieb ruhig und
sein Auge klar. Er hatte nur den Wunsch, m�glichst bald ins Treffen zu
kommen; hinter den Linien zu stehen, war so qualvoll, wie einen M�rder
im Nebenzimmer zu h�ren.

* * * * *

Unbestimmbare drohende Ger�usche drangen von weit- und nahher durch die
au�erordentlich finstere Nacht. Den Mannschaften wurde die gr��te Stille
befohlen. Ein Ordonnanzoffizier sauste auf seinem Pferd von Sommerance
her�ber. Sylvester kannte ihn. �Gibt's was Neues?� -- �Wir greifen an.�
-- �Bald?� -- �Wahrscheinlich.� Er sprengte davon.

Gegen die �ber den Strom geschlagene Schiffsbr�cke ritt in langsamem
Trabe ein preu�isches Dragonerregiment. Dann jagte eine Batterie quer
�ber das Feld. Sie protzten ab, schossen jedoch nicht. Jetzt stieg
hinter den H�geln, gegen Sedan zu, ein gewaltiger Feuerschein auf.

Der Unterj�ger, der hinter Sylvester stand, fluchte, weil ihm sein
Hoseng�rtel gerissen war. Ein Mann aus der Korporalschaft bot ihm den
seinen an. Es war ein kleiner dicker Mensch, im b�rgerlichen Beruf
Fl�tenspieler an einem Theater; er hatte sich immer durch Munterkeit
ausgezeichnet, war jedoch seit einigen Stunden auffallend schweigsam.
�Und du? Was wirst du machen?� fragte der Unterj�ger erstaunt. �Ach ich,
ich werde ja doch heute totgeschossen,� erwiderte der andere mit
vollkommener Ruhe und schnallte seinen G�rtel ab. Sylvester drehte sich
nach dem Manne um. Weder Prahlerei noch Angst war in dem pausb�ckigen
Gesicht zu bemerken, nur stumme, selbstverst�ndliche Ergebung. Der
Premierleutnant hatte ebenfalls die Worte des Soldaten geh�rt und wandte
ihm sein hageres, in der Brandglut doppelt unheimliches Gesicht zu. Mit
ihm hatte es eine eigene Bewandtnis; er hatte vor f�nf Jahren wegen
irgendwelcher Unregelm��igkeiten den Dienst quittieren m�ssen. Als der
Krieg ausgebrochen war, hatte er sich gemeldet, und man brauchte ihn nur
anzusehen, um zu wissen, da� er fest entschlossen war, den Tod in der
Schlacht zu sterben und damit seinen Makel auszul�schen.

Der Feuerschein verlohte. Es wurde wieder finster. In einem Geh�ft
kr�hte mit durchdringender Stimme ein Hahn. Die Soldaten lachten. �Dem
ist ein zu gro�es Gedr�nge dahier,� witzelte einer. �Ruhe!� schrie der
Hauptmann w�tend. Pl�tzlich krachte es rechts vorn. Ein Adjutant brachte
den Befehl, das Bataillon solle �ber den Bahndamm marschieren und gegen
das Dorf Bazeilles vorr�cken. Die Abteilung setzte sich in Bewegung,
erstieg den Damm und �berschritt den Strom auf der Eisenbahnbr�cke.
Sylvester konnte das von dichtem Nebel bedeckte Gel�nde �berschauen.
Wenn aus fernen Gesch�tzen die Blitze auffuhren, sah der Nebel wie
brennende Baumwolle aus. Ein zweiter Befehl traf ein: das Bataillon habe
vorl�ufig noch in Reserve zu bleiben. �Hinter den Damm zur�ck und
niederlegen!� hie� es. Mit klopfenden Herzen warfen sich alle ins
feuchte Gras.

Auf einmal erschallte ein heftiges Kleingewehrfeuer. Das war in
Bazeilles. Ein Generalst�bler berichtete, das Dorf sei von vier
Regimentern franz�sischer Marine-Infanterie und einem Teil des Korps
Lebrun besetzt; es habe feste steinerne H�user und der Angriff sei
erschwert dadurch, da� die Einwohner im Bunde mit den Soldaten sch�ssen
und die Stra�en durch Barrikaden versperrt seien.

Sylvester und der Premierleutnant begaben sich auf den Damm. Die meisten
H�user von Bazeilles brannten schon. Die wachsenden Flammen erstickten
f�rmlich den aufd�mmernden Tag. Rings um das ungeheure Schlachtfeld
donnerten die Kanonen. Die Ersch�tterung des Luftkreises vertrieb den
Nebel, daf�r wallten die wei�lichen Dampfmassen aus den Schl�nden der
Gesch�tze und der schwarze, wurmartig gekr�mmte Rauch von den brennenden
H�usern empor. Chassepotkugeln zischten durch die Luft, und Sylvester
und sein Begleiter wollten sich eben wieder in die Deckung begeben, als
das Kommando: �Vorw�rts! Ausschw�rmen!� ert�nte.

Previous Page | Next Page


Books | Photos | Paul Mutton | Sat 4th Apr 2026, 18:06