Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 46

Wenige Stunden sp�ter begegnete ihm Sylvester in der Kantine. Er war
schon eingekleidet und sang mit den andern, wennschon nicht ohne
Gravit�t, kampflustige Lieder. Sylvester dr�ckte ihm l�chelnd die Hand.

An dem Morgen, an dem die Abteilungen endlich zum Bahnhof marschierten,
verbreitete sich die Nachricht von einem gro�en Sieg der deutschen
Armee. Der Eisenbahnzug, der von N�rnberg kam und �ber W�rzburg nach
der Pfalz fahren sollte, war mit Infanterie besetzt. Sylvester
�berlegte, ob er an Agathe telegraphieren solle, damit er sie in
W�rzburg sehen k�nne; er unterlie� es jedoch, um nicht abermals
Trennungsweh hervorrufen und empfinden zu m�ssen.

Auf den Stationen wurden Einzelheiten �ber die stattgefundene Schlacht
erz�hlt. Es wurde von zehntausend Toten gesprochen. Sylvester stellte
sich diese Zehntausend vor, wie sie in unabsehbarer Kette dalagen. Er
vermochte nicht zu glauben, da� nur seine Phantasie allein so t�tig war;
er zweifelte an der Ehrlichkeit einer Kampfbegier, die den Tod so nahe
f�hlen mu�te. Er hielt es nicht f�r Mut, die Augen zu schlie�en und die
bangen Fragen der Seele durch Liederbr�llen zu bet�uben; er hielt es f�r
Mut, zu wissen und zu zittern und des Wissens und Zitterns Herr zu
werden. Unter den Offizieren gewahrte er viele sinnende und ernste
Gesichter. Manche hatten die Lippen in einer Weise geschlossen, als
seien sie nicht dar�ber im unklaren, was es hei�en wollte, jung zu
sterben. Zu ihnen f�hlte sich Sylvester am meisten hingezogen. Aber auch
unter den Mannschaften erregten viele seine Sympathie, die bei aller
Tapferkeit der Haltung sich mit innerlichem Grauen von der Sonne
bescheinen lie�en.

Auf der letzten Pf�lzer Bahnstation wurden die Truppen auswaggoniert.
Einige Abteilungen, die gegen Metz ziehen sollten, setzten sich gleich
in Marsch. Die J�ger mu�ten stundenlang warten, bis der f�hrende
Hauptmann genaue Ordre erhalten hatte. Das Bataillon befand sich bei der
Maa�armee. Es war schon gegen Abend, als die Kolonne den freundlichen
Ort verlie�. In einem Dorf mit vielen verbrannten H�usern war Nachtrast.

W�hrend der folgenden Tage regnete es unaufh�rlich. Am Rand eines Waldes
sah Sylvester den ersten Toten. Es war ein franz�sischer Franktireur.
Die Kleider �ber der Brust waren offen; er trug feine W�sche. Er lag in
einem Reisighaufen und hatte ein St�ckchen Schokolade in der blutigen,
starren Hand. Ferner Gesch�tzdonner war vernehmbar. Die Atmosph�re war
eigent�mlich rauchig. Auf einem Wiesenhang wurde eine Viehherde von
preu�ischen Musketieren geweidet. Ein bebrillter Unteroffizier, der
vielleicht unl�ngst auf einem Katheder gestanden, hatte die Aufsicht. Im
Graben an der Chaussee lag mit gl�sernen Augen ein erschossenes Pferd.
Eine Eskadron Kavallerie sprengte vor�ber. Im n�chsten Quartier
erhielten sie Nachrichten von der furchtbaren Schlacht bei Mars-la-Tour.
Da wurde manchem das Herz enger. Sylvester �berraschte einen J�ger, wie
er ein Amulett, das er auf der Brust trug, hervorgezogen hatte und
betrachtete.

Je weiter sie ins feindliche Land kamen, je widerspenstiger und
geh�ssiger wurden die Bewohner. Das Requirieren der Nahrungsmittel
erwies sich als schwierig, und der Hunger zwang die Soldaten oft zur
Grausamkeit. Sie erbrachen die Weinkeller, drangen in alle Winkel der
H�user und rissen Kranke aus ihren Betten, um die Strohs�cke und
Matratzen zu durchsuchen, in denen die Bauern bisweilen Brot und Fleisch
verbargen. Beim Aufsp�ren der Verstecke zeigte sich Adam Hund am
findigsten. Er gelangte auch wegen der hohen Vollendung seiner Kochkunst
und durch die Gabe, spannende Geschichten zu erz�hlen, zu Ansehen.
Selbst die Offiziere verschm�hten es nicht, ihm zu lauschen, wenn er
seine Anekdoten zum besten gab, von denen er jede mit einer moralischen
Nutzanwendung schlo�.

Seltsam war es f�r Sylvester, den guten Adam so zu erblicken, unter den
wettergebr�unten, b�rtigen Leuten, am Herdfeuer stehend und mit
philosophischer Ruhe Pfannkuchen backend. Weit entfernt waren anders
gelebte Tage, Bilder des Glanzes, Stunden, deren Schmerz sogar wie
r�hrende Musik nachhallte, Erregungen, deren Grund er kaum mehr fa�te.
Nun war alles so wild, so schwarz, so na�, so fiebergleich, die
Geschehnisse so gro� und ohne sein Zutun wachsend, die Dinge so wahr!
Ohne sein Zutun, und doch war alles Tat, ganz anders als vordem, wo mit
seinem Zutun fast alles nur Erleiden gewesen war.

Eines Tages, als er seine wundgelaufenen F��e verband, brachte ihm ein
altes M�tterchen eine Salbe, die sie f�r ihre beiden S�hne gemischt
hatte, welche beide vor St. Privat gefallen waren. Ihre Freundlichkeit
ersch�tterte ihn tiefer als alles gesehene Elend, und die Worte Krieg
und Feind klangen sinnlos. Und als sie in ein Dorf kamen und vor der T�r
einer Schenke ein junges M�dchen stand, in einer koketten roten Jacke,
einen blumengeschm�ckten Hut auf dem reizenden Kopf, trat er zu ihr und
unterhielt sie, indem er ihr von der Kaiserin Eugenie erz�hlte und deren
Sch�nheit r�hmte. Da fragte sie zutraulich, ob es wahr sei, da�
Frankreich bisher alle Schlachten verloren habe. Er bejahte, worauf sie
den Kopf senkte und bitterlich weinte. O, Menschheit, dachte Sylvester,
und ihm d�nkte, als stehe er hilflos auf einer Planke im Ozean.

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Books | Photos | Paul Mutton | Sat 4th Apr 2026, 15:16