Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 45

Doch wie er so vor sich hinging, wollte es ihm scheinen, als ob jetzt
nicht die Zeit f�r wehleidige Betrachtungen sei. Es wollte ihm scheinen,
da� hier eine gro�e F�gung auf gro�e Empfindungen rechne. Es wollte ihm
scheinen, da� dabei die gegr�ndetste �berlegenheit des einzelnen
verklauselte Flucht, da� jedes Messen und Erw�gen zum Laster der
Tr�gheit wurde. Die Ruhe der Nacht versetzte seinen Geist in eine
wunderbare Schwingung. Er sp�rte den Enthusiasmus so vieler Millionen,
sp�rte, da� sich sein Gem�t der Absonderung begab, um an der allgemeinen
Entflammung teilzunehmen. Er hatte kein Recht mehr f�r sich allein, er
hatte nur noch das Recht aller. Seine Augen begannen in der Dunkelheit
zu leuchten. Seit langem war ihm nicht mehr so wohl ums Herz gewesen.

Im Bogen um das Orangeriegeb�ude schreitend, sah er eine wei�e Gestalt
auf einer Bank sitzen. Es war Agathe. Sie blickte kaum auf, als er sich
n�herte. Er setzte sich neben sie. �Hat es dich auch herausgetrieben?�
fragte er.

Sie seufzte blo�.

�H�r' zu, Agathe,� fuhr er fort, �ich werde morgen nach Erlangen
fahren.�

�Nach Erlangen? Aus welchem Grund?�

�Um mich bei meinem Bataillon zu stellen.�

�Du willst --? Sylvester!� Es war ein halb klagender, halb jubelnder
Aufschrei. Sie pre�te das Gesicht schluchzend in die rechte Hand, die
bebende Linke reichte sie ihm. Als sie sich ausgeweint hatte, gingen sie
Hand in Hand ins Haus.

* * * * *

Am andern Morgen hatte Sylvester noch vielerlei zu erledigen. Er schrieb
sein Testament und traf umsichtige Vorkehrungen wegen der
Wirtschaftsleitung. Um elf Uhr kam der Major und war sehr ergriffen, als
er h�rte, da� Sylvester ins Feld zog. �Es rinnt eben doch ein guter Saft
in seinen Adern,� sagte er zu Agathe, die still und bleich dastand;
�sein Gro�vater ist Anno dreizehn bei Leipzig gefallen. So etwas h�lt
nach.�

Der Wagen, der ihn zum Bahnhof bringen sollte, war schon vorgefahren.
�Wo ist Silvia?� erkundigte sich Sylvester. Da erschien das Kind mit
einer Rose, die sie dem Vater gab. Die hellen Tr�nen liefen �ber ihre
Backen, aber beim Abschied nahm sie sich heldenm�tig zusammen. Agathe
wurde immer bleicher. Sylvester umarmte sie, dann fiel sie dem Major
ohnm�chtig an die Brust. Die Leute vom Gut gr��ten ihren Herrn
schweigend und voll Ehrerbietung. �Ich wei� gewi�, da� der Vater wieder
kommen wird,� sagte Silvia mit gefalteten H�nden. Als die Kutsche sich
in Bewegung gesetzt hatte, schaute Sylvester noch einmal aus dem Schlag.

Die Z�ge hatten gro�e Versp�tungen, und so langte Sylvester erst am
Abend in der Garnison an. Nur mit M�he fand er in einem Weinwirtshaus
Unterkunft. Es war ein Treiben in dem St�dtchen, als ob Jahrmarkt w�re.
Allenthalben war Musik und Gesang, doch sah man nirgends einen
betrunkenen Menschen.

Um sechs Uhr morgens ging er zur Kommandantur und dann auf die Kanzlei
des J�gerbataillons. Er war als Sekondeleutnant aus dem aktiven Dienst
getreten und wurde in dieser Charge wieder eingereiht. Die Kerntruppe
war schon ins Feld ger�ckt und alle R�ume der Kaserne waren voll von
Rekruten und Freiwilligen. Beim Exerzieren merkte Sylvester zu seinem
Schrecken, wie steif seine Glieder und wie verrostet seine Gelenke
waren. Der n�chste Truppenabmarsch sollte erst in zehn Tagen
stattfinden; bis dahin mu�ten die jungen Mannschaften eingeschult sein,
und die �bungen ersch�pften den verweichlichten K�rper Sylvesters so
sehr, da� er seine ganze Willenskraft n�tig hatte, um sich aufrecht zu
erhalten. Nicht geringere �berwindung kostete es ihn, den schlechten
Geruch in den Stuben, den best�ndigen L�rm und die best�ndige N�he
vieler Menschen ertragen zu lernen.

Am f�nften Tag schickte ihm Agathe mit einem ihrer Briefe ein Schreiben
Adam Hunds. Adam gab darin seinen Vorsatz bekannt, da� er dem Beispiel
seines Herrn folgen wolle. �Wo der Herr Baron stirbt, will ich auch
sterben,� schrieb er; �ich habe bei den sechsten J�gern gedient wie der
Herr Baron. Man wird einen alten Landwehrmann nicht abweisen. Der Krieg
ist meine einzige Hoffnung. Wenn mich keine Kugel trifft, bleibe ich
Soldat. Denn zwischen mir und meinem Weib steht es derma�en �bel, da�
ich keinen Spa� mehr an diesem Leben finde. Ich bin ziemlich sicher, da�
mich die elende Kreatur betr�gt. Sie hat es mit dem Sohn eines
Gro�bauern. Ich m�chte wissen, was dem dummen Teufel an ihr gef�llt.
Mein Gott, zu all dem Jammer noch die Schande! Da kann nur das Vaterland
helfen. Des Himmels Strafe �ber sie. Ich ziehe von dannen. Bin ich ein
geh�rnter Ehemann, sch�n, so werde ich ein um so besserer Sch�tze sein.�

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Books | Photos | Paul Mutton | Sat 4th Apr 2026, 13:07