Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


Main
- books.jibble.org



My Books
- IRC Hacks

Misc. Articles
- Meaning of Jibble
- M4 Su Doku
- Computer Scrapbooking
- Setting up Java
- Bootable Java
- Cookies in Java
- Dynamic Graphs
- Social Shakespeare

External Links
- Paul Mutton
- Jibble Photo Gallery
- Jibble Forums
- Google Landmarks
- Jibble Shop
- Free Books
- Intershot Ltd

books.jibble.org

Previous Page | Next Page

Page 43

Eines Morgens, als Sylvester bei Silvia im Zimmer sa� und sie in
franz�sischer Grammatik unterrichtete, wurde ihm ein Brief �berbracht.
Beim Anblick der Schriftz�ge auf der Adresse verf�rbte er sich, erhob
sich sogleich und ging in die Bibliothek. Bebend �ffnete er den Umschlag
und las:

�Mein teurer Freund! Ich vermute Sie bei den Ihren zu Hause und hoffe,
da� dieser Gru� aus weiter Ferne Sie erreicht. Seit sieben Wochen fahre
ich hier in Amerika von Stadt zu Stadt, und es ist mir alles so
fremdartig, als sei ich nicht ich selbst, und was ich mit den Menschen
spreche und wie ich lebe erscheint mir wie etwas Ausgedachtes und
Unnat�rliches. Bevor ich von England abgereist bin, habe ich mich mit
dem Viscount Horace Darrington versprochen, aber wir werden erst
heiraten, wenn er von Indien zur�ckkommt, und das dauert zwei Jahre.
Nach diesen zwei Jahren werde ich aufh�ren zu singen. Ich bin nicht
gerade m�de; freilich, des Beifalls bin ich m�de, der Zudringlichkeit
und der Neugier auch, und bange wird mir manchmal bei dem Gedanken, da�
ich jeden Abend in ein anderes Bett mich legen soll. Aber es ist nicht
das, was meinen Vorsatz, der �ffentlichkeit Adieu zu sagen, erzeugt hat
und immer st�rker werden l��t; es ist das Gef�hl, da� ich gegeben habe,
was ich zu geben vermochte und da� alles �brige nur Fertigkeit und
h�chstens Kunst ist. Heute noch treibt mich eine unbekannte Gewalt, es
ist als ob ich etwas verk�ndigen sollte, morgen vielleicht ist es kein
Befehl mehr, sondern blo� Gewohnheit, und das Heilige wird zum
Hokuspokus. Heute noch beten und morgen leiern? Das ist meine Sache
nicht; wenn mich nicht mehr die Andacht erf�llt, bin ich ein verlorenes
Wesen, ein heimatloses Weib und mu� vom Leben erbetteln, was die Kunst
einem Weib nie und nimmer gew�hren kann. Nun wei� ich ein Haus f�r mich
und einen H�ter darin, und was gewesen ist, bleibt in seiner Sch�nheit
bestehen. Ich habe das empfunden, als wir noch beisammen waren; ohne Sie
w�re ich blind hingegangen zu der Grenze; in dieser Minute tr�umend, in
der n�chsten schon erwacht, h�tte ich keinen Weg mehr gesehen und
unbefriedigt, mich selbst verkennend, immer wieder zum Traum
zur�ckgewollt. Was k�nnte ich Ihnen au�erdem noch sagen in den
armseligen Worten, die ich habe? Vergessen kann ich nicht und w�nsche
auch nicht, da� irgend etwas h�tte anders geschehen sollen. Ich m�chte
Sie leicht und Ihr Auge hell und Ihr Herz klingend machen, und mir ist,
als k�nnte ich nur gl�cklich werden, wenn Sie es sind. Man braucht
Kraft und Reinheit, um gl�cklich zu sein, um eins mit sich selbst zu
sein. Meine Seele ist voll von Dank f�r Sie, und ich m�chte f�r das Wort
Freund ein noch nie geh�rtes Wort finden, damit Sie sp�ren, wie Sie in
und mit mir leben. Schreiben Sie mir nicht, antworten Sie nicht. Es w�re
zu fr�h, es w�re zu wenig F�gung, zu viel Mahnung.

Ihre Gabriele.�

Nachdem Sylvester den Brief gelesen, verlie� er das Haus und kehrte erst
sp�t in der Nacht wieder heim.

Sein Dasein erschien ihm nun noch weit zerst�ckter, und er warf einen
Tag um den andern gleichsam weg und zum voraus weg. Ein Aufruf der
liberalen Partei erregte fl�chtig sein Interesse, er besuchte auch eine
Versammlung in W�rzburg, aber dann sagte er zu Agathe, die auf dieses
Emporraffen in ihm einige Hoffnung gesetzt hatte und nun ihre
Entt�uschung kaum verbergen konnte, die Leute seien ohne politische
Disziplin, h�tten keinen Begriff davon, was dem Lande wirklich n�tzen
k�nne, und ihr Treiben ekle ihn an.

Bei alledem f�hlte er doch, eben was das nationale Leben betraf, eine
eigent�mliche Spannung in der Luft. Man atmete wie in einem
abgeschlossenen schw�len Zimmer, wo man unwillk�rlich auf Dinge lauscht,
die drau�en vorgehen und unwillk�rlich Furcht empfindet bei jedem Tritt
und jedem Fl�stern. Ger�chte schwirrten auf und wurden wieder erstickt.
Die einen wollten nicht glauben, die andern hielten sich die Ohren zu.
Handel und Gewerbe stockten, und die B�rsenkurse zeigten beunruhigende
Schwankungen. M�nner, die sonst den �ffentlichen Angelegenheiten ohne
Teilnahme gegen�berstanden, richteten den Blick besorgt auf die
Geschehnisse, deren Entwicklung noch ganz im Dunkel verborgen war. Auch
Sylvester ertappte sich bisweilen in der Ungeduld eines Zuschauers, der
im Theater vergebens darauf warten mu�, da� der Vorhang hochgezogen
wird.

So kam der Sommer. Eines Tages war der Major zu Tisch in Erfft; nach dem
Essen, man hatte �ber allerlei geredet, sagte er zu Sylvester: �Mein
lieber Schwager, wir m�ssen auf gro�e Dinge gefa�t sein. Es gibt Krieg.�

Sylvester l�chelte sp�ttisch. �Du bist ein so unverbesserlicher Patriot,
da� dir ein Zeitungsgeschw�tz schon wie Kanonendonner klingt,�
antwortete er.

Previous Page | Next Page


Books | Photos | Paul Mutton | Sat 4th Apr 2026, 8:50