Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 42

Sylvester verabschiedete sich vom Ehepaar Hund. Sein Reitpferd lie� er
in Dudsloch und sagte, er werde es am n�chsten Tag holen lassen. Dann
folgte er Agathe, die vorausgegangen war.

In einem ununterbrochenen Schweigen wanderten sie durch den Winterabend
nach Hause.

* * * * *

Mit Hilfe eines m��ig zu verzinsenden Darlehens, das der Major gab, und
der Summe von zwanzigtausend Talern, die der westf�lische Onkel
vorstreckte, brachte Sylvester seine zerr�tteten Finanzen einstweilen in
Ordnung. Er hatte mancherlei Pl�ne im Kopf, wollte eine Winzerschule
gr�nden, Dudsloch in eine Zuchtanstalt f�r Mustervieh umwandeln,
studierte die Fachzeitschriften wegen Ankaufs neuer landwirtschaftlicher
Maschinen und besch�ftigte sich nebenbei wieder mit seiner Liebhaberei
f�r die Gartenkunst. Er war sechs bis acht Stunden w�hrend des Tags im
Freien, und sein Trachten war, am Abend so m�de zu sein, da� er nicht
mehr denken konnte.

Wie vor der Unterredung in Dudsloch sah er Agathe nur bei den
Mahlzeiten. Sie war freundlich, oft sogar g�tig, er hingegen wortkarg
und unstet. Wenn Agathe vom Tisch aufstand, blickte er ihr bisweilen
wunderlich bittend nach. Es kam vor, da� sie allein in den Wald
spazieren ging; beunruhigt folgte er ihr von weitem, versteckte sich
hinter Buschwerk, wenn sie umkehrte und war erst zufrieden, wenn er sie
wieder in der N�he der bewohnten St�tten wu�te. Einmal blieb sie auf
einer Lichtung stehen, schaute zur�ck und sah ihn, der eben in die
Lichtung hinaustrat. Sie wartete, bis er herangekommen war und fragte,
ob er zuf�llig denselben Weg gegangen sei. Er bejahte.

Es war Ende Februar, einer jener milden und t�ckischen Tage, an denen
die ganze Natur um den Fr�hling zu ringen scheint. Da war es Sylvester,
als m�sse er von Gabriele sprechen, und er erz�hlte der stumm
lauschenden Frau die Geschichte seiner Liebe mit allen Einzelheiten.
Nachdem er dies getan hatte, setzte er sich auf einen Baumstumpf und bat
Agathe, sie m�ge allein nach Hause gehen. �Ach du,� murmelte er
verst�rt, als sie fort war, �du Hochm�tige, du Selbstgewisse, du
Qu�lerin, du Zuschauerin. Lie�est mich erz�hlen, zu Ende erz�hlen, damit
es auch wirklich zu Ende sei. Nun ist es zu Ende.� Er blieb sitzen, bis
die Nacht anbrach.

Hypochondrie trat in seinem Wesen immer st�rker hervor.

Sylvester geh�rte zu jenen M�nnern, die mit zunehmenden Jahren
vereinsamen. Er war der Freundschaft f�hig gewesen wie wenige, und er
hatte seine Freunde einen nach dem andern verloren. In jede solche
Beziehung hatte er Ideen und Ideale getragen, und jede war eben daran
gescheitert. Er setzte seine Person zum Pfand und wurde mit Almosen
abgespeist. Mit der Zeit begriff er, da� nichts in der Welt �rmer macht
als Freundschaft zu suchen. Er brauchte geistige Z�rtlichkeit,
br�derliche �bereinstimmung, und da er zu viel Scharfblick und
Menschenkenntnis hatte, um sich mit Surrogaten zu begn�gen, wirkte er
herrschs�chtig und launenhaft, wo er in seinen Erwartungen entt�uscht
wurde. Sinnliche Naturen geraten leicht in einen Zustand der
Unbefriedigung, auch der Gesellschaft gegen�ber, und die Sylvester
eigene Empfindlichkeit war die Ursache, da� er die Menschen gerade dann
am meisten abstie�, wenn ihn der Menschenhunger zu ihnen trieb. Er
erkannte zu sp�t, da� er unter einem Geschlecht lebte, welches sich vor
der Hingebung f�rchtete und dem der Adel des Herzens fehlte. Er fand
fast alle M�nner n�chtern, leer, gem�tsroh und hoffnungslos banal; so
hatte er sich an die Frauen gewandt, als ob die Frauen einen
gl�cklicheren Kontinent des Lebens bewohnten; hier halfen ihm
Phantasiespiele, und w�hrend er eroberte, hatte er die Illusion, zu
besitzen. Auch dies war nun vor�ber, denn sein Haar zeigte graue F�den.

Im Lauf des Fr�hjahrs machte er h�ufig Besuche in der Nachbarschaft. Er
langweilte sich t�dlich und kam jedesmal verstimmt nach Hause. Agathe
billigte die Urteile nicht, die er �ber die Leute f�llte; sie erinnerte
sich des einen als eines anst�ndigen Kaufmanns, des andern als eines
verdienten Beamten, des dritten als eines opferwilligen Familienvaters,
und die Erbarmungslosigkeit, mit der er Gericht hielt, verletzte sie.
Ihm war jeder fremde Mensch ein Feind, ihr war jeder Mensch ein Mensch.

Sie gab Sylvester verloren. Sie sah keinen Weg, wie er sich retten
k�nne. Sie h�tete sich aber, ihm ihre Verzweiflung zu zeigen. Oft war
ihr zumute, als hielte sie den Mann mit �u�erster Anstrengung ihrer
Kraft und als m�sse er fallen, wenn sie nur mit einem einzigen Gedanken
von ihm ablie�. Was sie von ihm erwartete, dar�ber hatte sie nicht die
geringste Klarheit, dennoch wu�te sie, da� die Glut, mit der sie eine
geheimnisvolle Forderung an ihn stellte, nur durch die Erf�llung
gel�scht werden konnte. Eher h�tte sie ihren Leib hinsiechen lassen, als
da� sie einem Anruf der Sinne nachgegeben h�tte, um in den
schw�chlichen, unreinen und ungesicherten Zustand eines Scheingl�cks
zur�ckzukehren. Kein k�rperliches Leiden, seines nicht, das ihn heftig,
finster und reizbar machte, und ihres nicht, das hinter einer Schutzwehr
von instinkt- und charaktervoller K�lte verborgen war, konnte sie
beirren.

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Books | Photos | Paul Mutton | Thu 2nd Apr 2026, 8:56