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Page 39
Sylvester las den Brief dreimal. Da h�rte er ein Ger�usch und wandte
sich um. Agathe war erwacht und hatte sich, den Kopf auf die Hand
gest�tzt, halb aufgerichtet. Schweigend blickte sie her�ber; schweigend
erwiderte er den Blick. Mit einer unwillk�rlichen Bewegung zog Agathe
die Bettdecke bis an das Kinn. Kein Vorspiel eines L�chelns war in ihrem
Gesicht, aber auch kein Unwillen, kein Befremden, keine Frage, nichts
als eine unbeschreibliche Ruhe. Sylvester stand auf, nahm die Kerze und
sagte: �Gute Nacht, Agathe.� In ihm tobten die seltsamsten, einander
feindseligen Gef�hle, aber wenn man ihn auf die Folterbank gelegt h�tte,
um ihm ein Wort zu entpressen, er h�tte nichts anderes hervorbringen
k�nnen als dieses: �Gute Nacht, Agathe.�
In der Bibliothek griff er blind nach einem Buch. Es war die Bibel. Er
schlug eine Seite auf und las unter den Spr�chen Salomonis: Bewahre
dein Herz, denn aus demselben quillt das Leben.
* * * * *
Agathe war fort. Wenn Silvia sich nach ihrer Mutter erkundigte, wu�te
Sylvester nicht, was er sagen sollte, denn das Kind hatte ein Auge, vor
dem sich schwer l�gen lie�. Oft betrachtete sie den Vater so forschend,
als sei sie von der Sicherheit der gegenw�rtigen Umst�nde keineswegs
�berzeugt. Sie durfte schon aufstehen, mu�te jedoch, des harten Winters
wegen, das Zimmer h�ten. Beim Erwachen war ihr erstes Wort der Vater,
ihr letztes L�cheln am Abend war f�r ihn. Er spielte Kugel- oder
Lottospiele mit ihr, oder er setzte sie auf sein Knie und erz�hlte ihr
Geschichten, in denen zumeist von Piraten und Gespensterschiffen die
Rede war. Sie hing an seinem Mund mit einem Entz�cken, das nicht blo�
der Geschichte galt; sie bewunderte seine Stimme, seine Art zu sprechen,
seinen Blick und die Bewegungen seiner Brauen. Zartf�hlend erriet sie
auch jede Stimmung, in der sie ihm zur Last fiel; dann besch�ftigte sie
sich auf eigene Faust.
So verflossen anderthalb Wochen. Sylvester hatte w�hrend dieser Zeit
viele Schreibereien, da er jetzt erst die Unordnung �berblicken konnte,
in die er die Wirtschaft gest�rzt hatte. Er korrespondierte mit Agenten,
mit Privatbanken, und mit einem reichen alten Onkel, der im
Westf�lischen lebte und war ernstlich bem�ht, seine Torheiten wieder
gutzumachen. Bei alledem war seine Lage so sonderbar, da� er immer die
Empfindung hatte, er tue etwas ganz anderes als was er h�tte tun sollen.
Wartete Agathe nicht darauf, da� er fortging? War sie nicht seinem
verwegensten Wunsch zuvorgekommen, indem sie ihm schenkte, was er ihr
hatte abk�mpfen wollen? Wie kam es, da� er blieb? Er begriff sich selber
nicht. Zwang er sich zum Nachdenken, so fand er nur Ausfl�chte. Eine
solche Ausflucht war es, als er sich eines Tages sagte, es bed�rfe, um
dem unnat�rlichen Schwanken ein Ende zu machen, noch einer Unterredung
mit Agathe. Er schickte ihr durch den G�rtnerburschen einen Brief,
welcher lautete: �Liebe Agathe! Morgen werde ich vierzig Jahre alt.
Vielleicht ist dies der Grund eines Z�gerns, das dir unerkl�rlich
erscheinen mag. Der Kreuzweg, an dem ich im Solstitium meines Lebens
stehe, stimmt mich wider meinen Willen feierlich. Ich kann deinen
n�chtlichen Brief nicht als einen Abschlu� betrachten. Gib mir
Gelegenheit, dich noch einmal zu sehen. Wir m�ssen als Freunde
voneinander scheiden. Eine Existenz im Paradies w�re mir verg�llt, wenn
ich dich entfremdet w��te. Ich schlage dir vor, da� wir uns morgen
nachmittag in Dudsloch treffen, es ist ein neutraler Ort zwischen den
feindlichen Lagern. Benachrichtige mich, ob du kommen wirst.�
Agathe trug dem Boten m�ndlich ihr Einverst�ndnis auf.
Dudsloch war vier Kilometer von Eggenberg und sechs von Erfft entfernt.
Es lag in ziemlich ebener Landschaft und war auf drei Seiten von W�ldern
umgeben; im S�dosten war das Maintal. Mehr eine Meierei als ein Gutshof
zu hei�en, bestand es nur aus einem einfachen Bauernhaus und einigen
Stallgeb�uden. Sylvester ritt nach dem Mittagessen hin�ber und wurde von
Adam Hund mit schwerm�tiger Herzlichkeit, von Frau Brigitte Hund mit
einem mi�lungenen Hofknicks empfangen. Frau Brigitte legte Gewicht auf
repr�sentative Manieren. Da� sie eine Meg�re war, erkannte man an ihrer
hohen Stimme und an ihrem sauers��en L�cheln, von dem sie sich
einbildete, es sei gewinnend. Adam sah herabgekommen aus; die gro�e
Welt, in der er verkehrt hatte, haftete noch an ihm wie, um in seiner
eigenen bildhaften Sprache zu bleiben, ein Rosenblatt an einer
Mistgabel. W�hrend auf dem beschneiten Weg, der vom Strom herauff�hrte,
Agathe sichtbar wurde, fragte Sylvester, ob die oberen Zimmer ordentlich
durchheizt seien; er hatte am Morgen den Stallknecht eigens deshalb nach
Dudsloch geschickt. Adam bejahte; man habe auch gr�ndlich l�ften m�ssen,
denn die R�ume seien so lange versperrt gewesen, da� die Atmosph�re dick
und muffig geworden sei.
Davon war noch etwas zu sp�ren, als Sylvester und Agathe eintraten. Es
waren zwei Zimmer, schmal und niedrig wie K�fige, mit gelbget�nchten
W�nden und altv�terischen M�beln. Hier hatten sie, weil damals das
Erffter Haus umgebaut worden war, die ersten Wochen ihrer Ehe verlebt.
Alle beide schienen diese Erinnerung in ihrem Gesicht auszul�schen, als
sich ihre Blicke begegneten.
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