Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 37

Anderthalb Stunden lang sa� Sylvester in seinem Zimmer. Um acht Uhr trat
Agathe herein und sagte: �Sie schl�ft.� Sylvester war es, als l�se sich
ein um seinen Hals geschlungener Strick. Agathe sank in einen Sessel und
bedeckte das Gesicht mit den H�nden. �Ich bin m�de,� fl�sterte sie nach
einer Weile, �ich habe seit vorgestern kein Auge zugetan. Auch du wirst
m�de sein. Gute Nacht.�

In seinem ganzen Leben hatte sich Sylvester nicht so allein gef�hlt wie
an diesem Abend in seinem eigenen Haus.

* * * * *

Das menschliche Dasein setzt sich aus Tagen zusammen, die Tage haben
ihre Zeiten, jede der Zeiten hat ihr Erfordernis, Schlaf die eine,
Arbeit die andere, S�ttigung die dritte, und wer schlafen will, dem mu�
das Bett gerichtet werden, und wer essen will, dem mu� Speise gekocht
werden, und wenn nun zwei Menschen unter demselben Dach hausen, sind sie
durch kleinliche Bed�rfnisse aufeinander angewiesen, und meiden sie sich
auch, so sind sie durch die Dinge gebunden; die Sorge des einen lastet
auf dem Genu� des andern, das B�se, das zwischen ihnen liegt, wird
zerst�ckt, das Gute, das sie suchen, in unerwartete Bahnen gelenkt,
entschiedenes Gef�hl bleibt nicht bestehen, der Blick verr�t die
Absicht, das Wort verdunkelt sie, k�rperliche N�he gibt der Atmosph�re
eine Beschaffenheit, welche Einflu� auf die Gedanken und Entschl�sse
nimmt, und was mutig geplant war, endet in Zweifel und feigem
Aufschieben.

Sylvester erfuhr dies. Er war gekommen, um ein Band zu zerrei�en; nun
umschlang dieses Band in hundert und aberhundert Windungen seine
Glieder, und jeder Versuch, sich der Fesseln zu entledigen, erzeugte
eine Wunde. Als Silvia wieder ihre Besinnung erlangt hatte und er an ihr
Lager treten durfte, nachdem sie vorbereitet worden war, als das Kind
ihn wie au�er sich umhalste und dabei lachte und weinte und immer wieder
sehen und greifen wollte, ob er es denn wirklich sei, wissen wollte, ob
er sie noch lieb habe, ob er zu Hause bleibe und vieles sonst, was sie
nur stammeln und schluchzen konnte, als ihre H�ndchen sich stets von
neuem nach ihm ausstreckten, sobald er, um ihren Zustand zu schonen,
Miene machte, sich zu entfernen, da begann er die Kette und die Wunden,
die sie sch�rfte, zu sp�ren, und ratlos fragte er sich, was nun
geschehen solle.

Kurz darauf kam Agathe in sein Zimmer. �Ich bitte dich nur um eines,
Sylvester,� sagte sie; �das Kind darf vorl�ufig nicht ahnen, wie es um
uns steht. Ich will auch nicht, da� zwischen uns etwas besprochen wird,
ehe Silvia ganz gesund ist. Wenn wir bei ihr sind, es l��t sich nicht
vermeiden, da� wir manchmal alle beide bei ihr sind, m�ssen wir uns
sorgf�ltig h�ten, ihren Verdacht zu erregen. Es w�rde sie vielleicht
t�ten.� Nach diesen Worten entfernte sich Agathe wieder. Sylvester
fragte sich verwundert: �Was meint sie? Was wei� sie? Will sie mir zu
verstehen geben, da� sie es aufs �u�erste ankommen lassen wird und will
sie mich m�rbe machen durch Ungewi�heit?�

Doch erstaunte er �ber ihre Haltung, �ber ihre W�rde. Sie gr��ten
einander am Morgen, sie sagten einander Gutenacht am Abend, sie
unterhielten sich k�hl und friedfertig bei Tisch, sie l�chelten einander
zu, wenn sie an Silvias Bett sa�en und sp�rten, mit wie angestrengter
Aufmerksamkeit Silvia sie beobachtete, sie vermochten es sogar, �ber die
durch Sylvester heraufbeschworene Schuldenkalamit�t sachlich zu
verhandeln, und als der Major und seine Frau her�berkamen, um der
Rekonvaleszentin einen Besuch abzustatten, spielte Agathe die Kom�die
einer Gattin, die ihrem Mann einen Fehltritt gro�m�tig verziehen hat und
mit ihm in neuen Flitterwochen lebt. Der Major war finster und
zur�ckhaltend; man sah es ihm an, da� er eine Auseinandersetzung
w�nschte und sie diesmal nur um Agathes willen vermied; Martha war voll
Spott �ber die vermeintliche Dummheit Agathes und zeigte Sylvester eine
ver�chtliche K�lte.

Unz�hlige Male sagte sich Sylvester: �Ich ertrag es nicht mehr.� Aber es
war etwas in Agathe, das ihn niederzwang und gef�gig machte. Oft lag ihm
ein Wort auf der Zunge, das sie n�tigen mu�te, ihm Rede zu stehen; es
gefror und wurde wesenlos, ehe er den Mund �ffnete. Heimlich ging er im
Haus herum; heimlich pfiff er dem Hund und wanderte in den Wald;
heimlich las er ein Buch; heimlich redete er mit dem Inspektor und gab
Anordnungen und Befehle. Agathes rascher, k�hner Schritt verfolgte ihn;
es knarrten nachts die Dielen unter ihrem Schritt, und sie schlief doch.
Unerbittlich schallte ihre tiefe Stimme. Ihr Auge war klar, der Blick
fest. Niemals und mit keiner Geb�rde rechnete sie auf sein Wohlgefallen
und mit Strenge ent�u�erte sie sich alles dessen, was an weibliche
Schlauheit, an weibliche Schw�che und an weibliche Sehnsucht erinnern
konnte.

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Books | Photos | Paul Mutton | Fri 27th Mar 2026, 8:46