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Page 35
Es verging kein Tag, ohne da� sie der Gefahren dachte, die ihn drau�en
in der unbekannten Welt bedrohten. Wilde Tiere konnten ihn �berfallen;
er konnte von einer Eisenbahnlokomotive ergriffen und von den R�dern
zermalmt werden; er konnte in ein tiefes Wasser st�rzen, sich in einem
Wald verirren, in die H�nde von R�ubern geraten; er konnte einen Feind
haben, der in einer finstern Gasse hinter ihm herschlich, um ihn zu
erstechen; er konnte krank werden und kein Mensch war da, der ihn
pflegte. Jede solche M�glichkeit malte sie sich aus, bis ihre Kraft zu
denken vor Mitgef�hl und Kummer erlosch.
Ihr d�nkte, da� es gut und mutig w�re, hinauszuziehen und ihn zu suchen.
Sie war davon �berzeugt, da� sie ihn finden w�rde. Den ganzen Sommer
�ber spielte sie mit diesem Plan, und schon mehrmals hatte sie sich
aufgemacht und war ein St�ck Wegs �ber die Chaussee marschiert, um dann
furchtsam wieder umzukehren. An einem Tag im Oktober war sie weiter
gelangt als vordem, da h�rte sie lautes Rufen und stehenbleibend sah sie
die dicke �sterlein auf sich zurennen. Unter Schelten und K�ssen
schleppte sie den entflohenen Liebling zur�ck, und erst als Silvia
versprach, einen derartigen Frevel nicht mehr zu begehen, gelobte sie,
gegen die Mutter zu schweigen. Auf Silvia hatte das Versprechen keine
andere Wirkung, als da� sie sich vornahm, beim n�chstenmal pfiffiger zu
sein. Ein paar Wochen lang wurde sie freilich von Frau �sterlein mit
Argusaugen bewacht, und Silvia gr�mte sich, da� die Tage immer k�rzer
wurden und das Wetter immer schlechter.
Es war an einem Morgen, als Agathe wegen der f�lligen Zinsen der von
Sylvester in Paris aufgenommenen Anleihe nach Eggenberg zu fahren
beschlossen hatte. Sie wu�te nicht, wie sie das Geld auftreiben sollte
und sah sich gezwungen, Hilfe oder wenigstens Rat vom Major zu erbitten.
Silvia schlief noch, als sie ging. Zuf�llig ber�hrte sie die Stirn des
Kindes und sagte zur �sterlein, die Stirn scheine ihr hei�, die Frau
m�ge acht geben und Silvia im Zimmer halten. Silvia erhob sich mit einem
Fr�steln aus ihrem Bette und lie� sich von der Pflegerin ankleiden, was
seit Monaten nicht mehr vorgekommen war, denn sie war in solchen Dingen
sehr selbst�ndig. Darauf ging Frau �sterlein ins B�gelzimmer und dachte,
das M�dchen werde wohl bei seinen Schreibheften sitzen bleiben. War es
nun der fieberische Zustand oder das erw�nschte Alleinsein oder die zu
und�mmbarem Dr�ngen gewordene Sehnsucht, genug, Silvia verlie� auf
einmal die Stube und das Haus, schritt, ohne gesehen zu werden, �ber den
Parkweg an der Orangerie vorbei und durch eine kleine Gartenpforte
gegen den mehrere hundert Meter weit entfernten Wald. Sie hatte weder
den Mantel angezogen, noch ihre M�tze aufgesetzt, aber sie sp�rte den
rieselnden Regen nicht und ging erst langsamer, als sie unter den B�umen
war. Wie ist das nur, �berlegte sie, es geht immer weiter, da vorn geht
es immer weiter, da hinten geht es immer weiter und in den Himmel hinauf
geht es immer weiter: es ist komisch und langweilig. Die neblige
Dunkelheit im Forst erschreckte sie, und bald f�hlte sie sich �u�erst
m�de. Sie mu�te best�ndig zu Boden schauen; so oft sie den Blick erhob,
drehte sich alles im Kreise um sie. Die Stille tat ihr weh, aber wenn
das d�rre Laub unter ihren F��en raschelte, wollte ihr Herz vor Angst
brechen. Zuweilen bog sich der Weg nach links oder nach rechts, dann
glaubte sie, der Vater komme ihr entgegen, und sie beschleunigte ihren
Schritt. Allm�hlich wurden jedoch die Beine gar zu schwer; und wie kalt
es pl�tzlich war; es sch�ttelte sie durch und durch. Sie setzte sich auf
einen Wurzelstrunk und schluchzte leise in sich hinein. Schlie�lich fiel
sie auf die Seite und verlor die Besinnung.
Gegen Mittag kam ein Holzf�ller vor�ber. Erstaunt betrachtete er das
bleiche, �berirdisch sch�ne Gesicht des anscheinend schlummernden
Kindes, warf seine Last zur Erde, hob das M�dchen aus dem nassen Moos
und trug es �ber eine Stunde Wegs nach Erfft zur�ck, wo alles in gr��ter
Sorge und Best�rzung war. Frau �sterlein, der Inspektor, der G�rtner,
der Stallbursche und zwei M�gde hatten die Gegend schon nach jeder
Himmelsrichtung durchstreift, nur an den Wald hatte keiner gedacht. Frau
�sterlein war stumm ersch�ttert, als sie das Kind aus den Armen des
Bringers nahm. Sie trug die bewu�tlose Silvia in deren Zimmer, ri� ihr
die Kleider vom Leib und brachte sie zu Bett. Zwei Stunden sp�ter begann
die Kranke zu delirieren. Am Abend, noch ehe Agathe eingetroffen war,
kam der Arzt, und als er ging, sagte er zu Frau Marquardt, die ihn in
den Flur begleitete: �Ich f�rchte, das Kind wird den morgigen Tag nicht
mehr erleben.�
* * * * *
W�hrend seiner dreit�gigen Reise hatte sich Sylvester keine Rast
geg�nnt; jetzt unmittelbar vor dem Ziel, w�re er am liebsten wieder
umgekehrt. Unter dem Vorwand, seinen Koffer erwarten zu m�ssen, blieb er
in W�rzburg. Die Frage, ob er seine Ankunft in Erfft melden oder
�berraschend in sein Haus treten solle, verursachte ihm eine
ungeb�hrliche Pein der �berlegung. Wenn er an die ersten Augenblicke des
Wiedersehens mit Agathe dachte, entsank ihm aller Mut und er w�nschte
Agathe auf irgendeine Weise entfernen zu k�nnen, um Silvia f�r sich zu
haben. Die ganze Kleinlichkeit und Engigkeit des b�rgerlichen Daseins
g�hnte ihm wieder entgegen, die Geldsorgen, die geistlosen Gesch�fte,
das �belwollen beflissener Verwandten, und alles, was in dem Verh�ltnis
zu Agathe zum Austrag gelangen sollte. Er nahm sich vor, vierzehn Tage
in Erfft zu bleiben. Bis dahin mu�te die Entscheidung gefallen und der
Weg in die Zukunft offen sein. Von der Seite Agathes auf einen
Widerstand gefa�t, den er bei ihrer edlen und herben Natur als schwer
bek�mpfbar schon jetzt empfand, hatte er doch die Gr�nde gesammelt, die
sie zur Nachgiebigkeit bewegen mu�ten, und so beredt, so mild und so
bezwingend war er nie gewesen wie in den einsamen Stunden, in denen er
sich die Gespr�che mit Agathe zurechtlegte. Nach solchen stillen
Exerzitien �berkam ihn immer eine hoffnungsselige Laune.
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