Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 23

Sie trennten sich wie Fremde. Sylvester hatte nicht die Kraft, in seine
Behausung zur�ckzukehren. An der Landstra�e war ein kleines Gasthaus; er
lie� sich ein Zimmer geben, warf sich dort auf das Sofa und haderte
stumm. Als es Abend wurde, z�ndete er zwei Kerzen an, verlangte
Briefpapier und schrieb an Agathe, -- zum erstenmal seit zehn Monaten.
�Ich bin deiner Nachsicht gewi�. Du hast Rechte auf mich, aber la� sie
mich nicht f�hlen. Du hast Grund, mich zu verdammen; tue es nicht. Ich
m�chte an dich als an eine Freundin denken. Ich m�chte an dich glauben
als an einen Menschen, der mich liebt, ohne meine Person als Einsatz zu
fordern. Du warst mir sehr nah in den letzten Tagen. Ich suchte dich und
mied dich, ich f�rchtete dich und brauchte dich. Ich bin hilflos, wenn
ich dich feindselig wei�, und stark, wenn du mich billigst.�

Solche T�ne hat die L�ge nicht. Sylvester hatte nicht gewu�t, was ihm
Agathe war. Nicht an die Gattin wandte er sich, nicht an die Gef�hrtin,
auch nicht an die Mutter seines Kindes, sondern an die Richterin �ber
sein Leben.

* * * * *

Als er Gabriele im Wagen gek��t, hatte ihn noch Eitelkeit getrieben und
Eroberungslust erf�llt. Es war, wie wenn der Beginn dieses Kusses noch
Spiel gewesen w�re, sein Ende aber schon Unwiderruflichkeit enthalten
h�tte. Und nicht blo� f�r ihn. Gabriele war so neu, so wahr, da� jene
fl�chtige Ber�hrung entscheidend f�r sie blieb. Sylvester erkannte es
wohl; der Sammet der Frucht ist noch unversehrt, sagte er sich begl�ckt,
ein Beweis, da� das Zarteste in der Natur auch das St�rkste ist. Aber er
ahnte nicht, da� ihre �u�ere K�lte eine sehns�chtige Glut verbarg, ihre
Schweigsamkeit ein unbeirrbares Gef�hl, ihr fliehender Blick ein f�r
immer ergriffenes Herz.

Sylvester kannte diese Seele nicht. Er glaubte, b�rgerliche Feigheit
mache sie zur�ckhaltend. Er hatte zu viele Frauen kennen gelernt, um
noch reinen Instinkt zu besitzen. Er sah das geliebte M�dchen in allen
Gestalten und Verwandlungen, die sein Argwohn, seine Ungeduld, seine
b�sen und guten Tr�ume heraufbeschworen. Er schlief nicht mehr. Er
konnte stundenlang liegen und nur an ihre Hand denken; er h�rte nur
ihre Stimme, wenn Menschen sprachen; er sah nur sie gehen, wenn Menschen
gingen; er sp�rte nur sie, wenn Gegenst�nde seine Haut ber�hrten. Jeder
Tag ohne sie war gespensterhaft, jeder Abend ein Leiden, jede Nacht ein
Alpdruck. Er fl�sterte ihren Namen in die Luft, um den Klang zu
vernehmen, es gab nichts in der Welt, was er nicht in Beziehung zu ihr
setzte, und wenn andere Leute von ihr redeten, zuckte er zusammen wie
ein Verbrecher bei der Erw�hnung seiner �beltat. Die Leidenschaft
erf�llte ihn von oben bis unten, ja sogar �ber dem Schatten lag sie, der
ihn begleitete. Sie spannte ihn schmerzlich, sie machte ihn sich selbst
verachtenswert, sich selbst wunderbar; die Wirklichkeit wurde zu einem
Schemen die Zeit etwas so Wahnvolles, da� er in Stunden der Trauer
zehnmal starb, in Sekunden der Freude Ewigkeiten lebte. Seine ganze
Existenz war eine Mischung von Torheit, Rausch und Fieber geworden, und
wenn er drei Wochen zur�ckdachte, so d�nkte ihn die eigene Person von
damals ein fremdes, scheintotes Ding.

Es geschah, da� er am Abend nach Twickenham ging, und vor Gabrieles Haus
auf und ab wandelte, bis der Morgen anbrach. Gabriele erfuhr es nie. Er
war bei alledem so stolz, da� er durch vergebliches Werben sich nicht
erniedrigen wollte. Einmal in einer sch�nen Nacht trat sie in einem
wei�en Gewand auf den Balkon und schaute zu den Sternen empor. Da war
es, da� er mit �berirdischem Schauer die Gr��e des Weltraums begriff. Er
stand verborgen an einem Zaun und blickte zur Kassiopeia so wie sie; der
Erdball hatte keine Gesch�pfe mehr als ihn und sie, und auf den feurigen
Bahnen der Sterne begegnete er nur ihr allein.

Verg�tterung ist ein sch�nes Wort; man mu� viel von der Gottheit
besitzen, um verg�ttern zu k�nnen, und wenn der Verg�tterte auch nicht
zum Gott wird, erhoben, beschwichtigt und beseelt wird er doch. Gabriele
sp�rte dies; es schien ihr leichter zu gehen, m�heloser zu atmen, aber
an andern Tagen kam dann eine Lauheit �ber sie, eine kraftlose
Schwermut; ihre Arme wurden tr�g, ihre Worte unbestimmt, ihr Geist
bedr�ckt, und Menschen, denen gegen�ber sie sich bisher heiter und frei
gegeben hatte, nahmen die Ver�nderung wahr. Frau von Rhynow trat eines
Nachmittags bei Sylvester ein und sagte: �Mein lieber Sylvester, was ist
mit Gabriele vorgegangen. Sie ist nicht mehr dieselbe. Ich bin besorgt
um sie. Merken Sie denn nichts?� Sylvester antwortete mit einem Blick,
der alles verriet. �Um Gottes willen,� begann die alte Dame zu jammern,
�Sie wollen doch das M�dchen am Ende nicht zu Ihrer Geliebten machen?
Das geht auf keinen Fall. Das w�re Tollheit, Schurkerei und kann nicht
geduldet werden. Jetzt geht mir ein Licht auf, jetzt wird mir manches
klar. Ich beschw�re Sie, teurer Freund, schlagen Sie sich das M�dchen
aus dem Kopf, die ist zu gut f�r dergleichen.� Sylvester stand am Kamin,
seine gro�en Z�hne blitzten, und er sah vor Bl�sse fast grau aus. �Sie
k�nnen sich auch von Agathe nicht scheiden lassen,� fuhr die Rhynow
eifrig fort; �es gibt viele Frauen, bei denen ich mir vorstellen kann,
da� man sich von ihnen scheiden l��t, bei Agathe nicht. Ich wei� nicht
genau, warum, ich wei� nur, da� es unm�glich ist. Wer Agathe einmal
gesehen hat, der wei�, da� es unm�glich ist. Und Sie wissen es auch.�

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Books | Photos | Paul Mutton | Sun 30th Nov 2025, 21:05