Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 22

�Man ist nicht frei in einer Ehe,� sagte Gabriele sehr ernst.

�Man kann aber frei werden, oder nicht?�

�Nein. Man kann niemals frei werden,� beharrte Gabriele mit demselben
Ernst; �ist eine Ehe nicht vor Gott und vor der Menschheit geschlossen?�

�Was reden Sie da, Gabriele!� rief Sylvester unmutig. �Das ist
Pfaffenmoral.�

�Nein. Es ist Blutgesetz.�

�Blutgesetz? Also Leibeigenschaft?�

�Vielleicht Leibeigenschaft; so mu� es vielleicht sein. Zuviel ist vom
einen Teil im andern Teil, zuviel Unausl�schliches ist geschehen.�

�Aber ich liebe Agathe nicht,� wandte Sylvester beklommen ein.

�Ob Sie Agathe lieben oder nicht lieben, das ist gleich,� versetzte
Gabriele, und ihre Wangen ergl�hten. �Die Ehe steht �ber der Liebe. Sie
steht deswegen �ber der Liebe, weil sie zwei Menschen vereinigt. Aus
eins kann man nicht mehr zwei machen. Und wenn Sie Agathe auch nicht
lieben, sie ist in Ihnen drin, Sie k�nnen nicht leben ohne sie. Sie
k�nnen ihr untreu sein, aber Sie k�nnen nicht Liebe finden ohne Agathe.
Sie ist immer da, wo Sie sind, immer, immer. W�re sie nur eine Frau, so
w�re das Band zerrei�bar; doch sie ist Mutter, und zwischen euch w�chst
ein Kind, und dem seid ihr verfallen beide.�

Es war Sylvester zumute, als habe er f�r ewige Zeiten seine Seligkeit
verloren. Er schaute verzweifelt vor sich hin.

Da es zu d�mmern begann, gingen sie zur Chaussee, wo der Phaethon
wartete. Sie stiegen ein, und Gabriele schmiegte sich in die Ecke. In
ihren Augen brannte noch die Flamme der Beredsamkeit; die jonisch
geschwungenen Lippen hatten einen Ausdruck von beseelter Kraft.
Sylvester griff nach ihrer Hand, und sie �berlie� ihm die Hand, befangen
zwar, doch ohne Mi�trauen. Pl�tzlich glitt er auf die Knie nieder und
dr�ckte ihre Finger an seinen Mund. Hastig fl�sternd befahl sie ihm,
aufzustehen. Er gehorchte und nahm wahr, da� sie zitterte. Ihr Gesicht
wurde totenbleich. Er atmete in schweren, langen Z�gen und umfing sie;
ihre st�hlerne Brust tobte gegen seine Arme; ihr wilder Blick fl�chtete
in die Landschaft hinaus, die wie gef�rbtes Wasser vor�berrann. Auf
einmal wurde alles weich an ihr, der Kopf fiel ihm zu wie geknickt, die
Augen schlossen sich, die Lippen suchten seine, Schmerz und Gl�ck waren
ein einziges Gef�hl, ein kurzes nur, und als sie sich aufrichtete, war
dieses schon Verbot, und jener str�mte aus unheilbarer Wunde. Sie sa�en
schweigend nebeneinander; er hielt noch ihre Hand, deren Pulsschlag sein
Geschick besiegelte. Gabriele entzog sie ihm nicht, denn es war Abend
geworden. Beim Abschied gr��te sie ihn nur mit einem Blick.

Als Sylvester nach Hause kam, sah er neben der Lampe das Bild Silvias
stehen, ein Miniaturportr�t, das er vor zwei Jahren in M�nchen nach
einer Photographie hatte anfertigen lassen. Da er sich nicht erinnerte,
es mitgenommen zu haben, auch w�hrend seiner Reisen es nie bemerkt
hatte, fragte er Adam verwundert, wie er dazu gelangt sei, und Adam
erwiderte, er habe es beim Aufr�umen in einer Schatulle gefunden.
Sylvester setzte sich an den Tisch; w�hrend er sp�rte, wie sein ganzer
K�rper gleichsam hinuntergerissen wurde in eine Flut der Leidenschaft,
betrachtete er das Bild des sch�nen Wesens, und sein Auge schien
�ngstlich zu fragen: bin ich dir wirklich verfallen, Silvia? So
�berm�chtig war diese Leidenschaft, da� er in geheimnisvoll
verbrecherischem Trotz eher den Tod des geliebten Kindes erdenken konnte
als den Verlust Gabrieles.

* * * * *

Es wurde Schicksal.

Sie schrieb ihm: �Wir d�rfen uns nicht mehr sehen.� Am Schlusse stand
aber: �Helfen Sie mir.� Da wu�te er genug und k��te sein eigenes
Spiegelbild wie ein Narr.

Er ging zu ihr. Sie wohnte in einem Landhaus in Twickenham. Anna Ewel
f�hrte ihn in den Garten, wo Gabriele sa�, die H�nde �ber den Knien
verschr�nkt. Sie empfing ihn k�hl. Er hatte vieles sagen wollen, nun war
es schal im voraus. Ihre H�rte verletzte ihn; er erhob sich, um zu
gehen; da machte sie eine erschrockene Bewegung mit dem Arm, und ihr
Gesicht bebte vor Best�rzung. Sie zwangen sich zu ruhigem Gespr�ch, aber
mit jedem Wort wurde die Kette enger, die sie umschlang.

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Books | Photos | Paul Mutton | Sun 30th Nov 2025, 20:01