Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 21

Als sie bei Lady Jersey Polens Klage von Chopin sang, dieses
Lied, in dem eine von Visionen umschauerte Melodie aus der von
leidenschaftlichem Kummer verd�sterten Begleitung emporsteigt wie eine
Liebende, die sich krank vom Lager erhebt, um noch einmal den Geliebten
zu umarmen, empfand er zum erstenmal die Scham, mit der man einen
heimlichen Besitz zum �ffentlichen Gut werden sieht, und er hatte M�he,
sein eifers�chtiges Fieber zu verbergen. Ihm war, als entkleide sie sich
und wisse es nicht, werfe sich hin vor die allgemeine Gier, gesch�ndeten
Herzens, sie, die das z�chtigste besa�. An jenem Abend ging er nach
Hause wie ein Betrunkener, lie� die Lampe brennen, bis es Tag wurde,
hatte die Augen offen und vermochte nicht zu denken.

Er hatte bis zu dieser Stunde gehandelt und sich betragen als ein Mann,
der frei ist, den keine Pflicht kettet, keine R�cksicht lahmt; er hatte
sich losgel�st von Weib und Kind, hatte nicht geschrieben, ihrer kaum
gedacht und zehn Monate lang ein Leben gef�hrt, wie wenn die zehn Jahre
vorher nur die Episode einer Nacht gewesen w�ren. So tief sein
versp�tetes Staunen war �ber das monds�chtige Dahinst�rmen, das Freveln
ohne Verantwortung, die Existenz ohne Erinnerung und ohne G�te, so
scharf erkannte er auch, da� der Wille zur R�ckkehr ihn trotzdem
beherrscht hatte, das Bewu�tsein, da� der dunklen Wanderung ein
unverr�ckbares Ziel gesetzt sei. Jetzt aber verlangte ihn nach
wirklicher Freiheit. Er k�mpfte gegen Agathe. Er b�umte sich auf gegen
ihre stumme Forderung. Ihre Verlassenheit erweckte nicht seine Reue,
sondern seinen Ha�. Der Schein von Recht, mit dem sie ihn anklagte,
erbitterte und die Macht, die sie pl�tzlich von fernher �ber sein Gem�t
aus�bte, erz�rnte ihn. Doch als der erste Strahl der Morgensonne ins
Zimmer fiel, erfa�te ihn Schrecken und Zerknirschung; noch kann ich die
Gefahr abwenden, sagte er sich; es gibt in jedem Schicksal einen
Augenblick, wo der Geist sich um seine letzte Freiwilligkeit betr�gt,
ich will diesen Augenblick nicht vers�umen; ich will abreisen, ich kann
es noch, ich w�rde l�gen, wenn ich einen Zwang vorsch�tzte, wo nur
Schw�che ist.

Er sprang auf mit dem Entschlu� zu packen. Adam zu rufen war es noch zu
fr�h; doch wollte er alles f�r ihn zusammenlegen, dann konnten sie mit
dem Vormittagszug nach Dover fahren. Beim �ffnen einer Lade erblickte er
den Schuh der sch�nen Rahel, den er damals auf der Treppe gefunden. Die
Erinnerung an ein Feuer, das von der Zeit gel�scht worden ist,
�berhaucht die Vergangenheit mit Todesk�lte. Mutlos warf sich Sylvester
aufs Bett, und auf einmal entsann er sich einer Menge von h�uslichen
Unannehmlichkeiten: es ist ein Wintermorgen, und im Fr�hst�ckszimmer
raucht der Ofen durch eine zersprungene Kachel; er kehrt hungrig von der
Jagd zur�ck und mu� warten, weil die K�chin einen Streit mit dem
Inspektor gehabt hat; in Dudsloch hat ein Knecht Holzdiebst�hle ver�bt
und man mu� die Polizei benachrichtigen; Schwager Eggenberg hat seinen
Besuch angemeldet, und im ganzen Haus riecht es nach Sauerkraut, das die
Leibspeise des Majors ist; all das ist so klein, so n�chtern, so
wohlbekannt, so langweilig, so h��lich. Seufzend schlief er ein.

Gegen Mittag weckte ihn Adams Pochen. Ein Brief mit Antwortbitte war da.
Sylvester kannte Gabrieles gro�e, eckige Schrift noch nicht, aber mit
klopfendem Herzen entfaltete er das Papier. Sie schrieb ihm, da� sie
sich f�r den Nachmittag frei gemacht habe und gern einen Spaziergang mit
ihm unternehmen m�chte; sie habe auch Frau von Rhynow dazu gebeten, die
sei jedoch verhindert.

Adam starrte verwundert auf die im Zimmer herrschende Unordnung, denn
Sylvester hatte schon Kleider und W�sche aus den Beh�ltern genommen.
�Bring' nur alles wieder an seine Stelle,� befahl Sylvester kurz.

* * * * *

Sie gingen durch den Park von Richmond. Unter freiem Himmel haben die
Menschen ein wahreres Gesicht als in R�umen. Gabriele nahm mit jedem
Schritt die Natur als Geschenk hin. Sylvester mu�te an Agathe denken, an
Agathes Entz�cken, solange sie empf�nglich, an ihre Verdrossenheit, wenn
sie m�de war. Gabriele hatte eine sanfte, gedankenvolle Ruhe. Sie
lauschte seinen Worten, als ob sie ein Wechsel von Licht und Schatten
w�ren, nicht wie Agathe, die allzu wach das Wort wie ein lebendiges Ding
ergriff und sich von ihm reizen und steigern lie�. Wie sehr liebte er
die Sanftmut an den Frauen; Sanftmut tr�gt das Feuer innen; die Erde ist
sanft mit ihrem gl�henden Kern, der dunkle Nachthimmel durch sein
verborgenes Licht. Schon in fr�hen Tagen hatte er das Bild der sanften
Frau umworben, und nun wu�te er erst, was ihm an Agathes Seite gefehlt,
die keine Nachgiebigkeit kannte, ganz auf Wille und Tat gestellt war und
sich nur in selbsts�chtiger Tr�umerei vergessen konnte.

Gabriele f�hlte, da� eine unsichtbare Dritte mit ihnen ging. Es lag ihr
nah zu fragen. Wunderliches Spiel des Einandererratens; w�hrend sie
einen Weg zur Frage suchte, �u�erte Sylvester, es sei ihm aufgefallen,
da� sie so selten Fragen an ihn richtete. Sie l�chelte und wollte
wissen, ob ihm dies f�r einen Mangel gelte; es sei wahr, sie k�nne nicht
fragen, sie habe es nie gelernt. �Der Mensch ist da, um zu fragen,�
entgegnete er, und sein Blick bat sie um eine Frage. Sie standen unter
einem riesenhaften Nu�baum; die Sonne ging unter und das Gr�n der
Rasenfl�chen �berzog sich mit s��en, violetten T�nen. Durch die
sommerlich feuchte Luft schwangen sich Schwalben in ver�nderlichen
Bogen. Wieder l�chelte Gabriele und sie fragte also: warum er so ruhelos
sei? Er schwieg. Sie l�chelte zum drittenmal; sie begriff, da� die Frage
zu allgemein gewesen und sammelte Mut f�r eine begrenztere: warum er
niemals von seinem Haus, von seiner Frau, von seinem Kind spreche? Er
err�tete. �Davon zu sprechen bindet mich,� antwortete er mit gesenkten
Lidern, �ich will aber frei sein.�

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Books | Photos | Paul Mutton | Sun 30th Nov 2025, 18:48