Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 17

So blieb ihm keine St�tte des Lasters unbekannt, kein Ort, wo die
Ausgesto�enen von l�sternen J�gern gestellt wurden, keiner von den
S�mpfen, auf deren Grund das Verbrechen wie giftiges Reptil hauste und
auf deren buntem Spiegel mancherlei bewimpelte Fahrzeuge schwimmen. Er
kn�pfte Beziehungen mit einer Italienerin an, die ber�hmt kleine H�nde
und F��e hatte; nach einer Woche verabscheute er sie; er machte auf
einem �ffentlichen Ball am Boulevard St. Michel die Bekanntschaft einer
Strumpfwirkerstochter, die ein unstillbares Verlangen danach hatte, ein
Diamanthalsband zu besitzen; er kaufte ihr nur einen Ring, und ihr
Gewissen schwieg bei seiner Werbung. Sie glich einer Nordl�nderin und
hatte das Blut einer Wilden. Ihre Launen erm�deten ihn, und er verlie�
sie. Hinter einer kleinen Kirche im Quartier latin wohnte ein Arzt,
dessen junge Frau so fromm war, da� das ganze Viertel dar�ber spottete.
Ein Student, der hoffnungslos in sie verliebt war, erz�hlte Sylvester
von ihr. Um sie zu sehen, ging er in jene Kirche, besuchte dann eines
erfundenen Leidens halber den Arzt und war bald h�ufiger Gast im Hause.
Er umstrickte die Frau, sie verfiel ihm, aber der Gatte war nicht blind;
was sich zwischen den beiden ereignet hatte, wu�te kein Mensch; eines
Tages waren sie aus Paris verschwunden.

Erbeuten und wegwerfen; bewahrte das Ged�chtnis einen Namen, ein zartes
Wort, eine seltene Geb�rde, so war die M�he belohnt; Gestalt und Wesen
schwanden hin. Wer Bl�ten pfl�ckt, will oft kaum riechen; den Strau� in
der Hand, mag er ihn schon nicht mehr weiter tragen, und schleudert er
ihn fort, ist er sorgloser geworden. Aber Sylvester hatte eine schwere
Sorge. Seine Geldmittel verringerten sich schnell. Die dreitausend
Taler, die er hatte schicken lassen, waren verbraucht. Er verlangte
einen Kreditbrief auf zehntausend Taler und berechnete, da� er ihn nach
drei Monaten ersch�pft haben w�rde. Eine gleichgro�e Summe lag nicht
mehr bereit. Ein Bankier riet ihm, B�rsenpapiere zu kaufen, doch er fand
das Gesch�ft zu unsicher und zu langwierig. In der Neujahrsnacht kam er
in Begleitung mehrerer junger Engl�nder in ein Haus, wo Bakkarat
gespielt wurde. Er beteiligte sich am Spiel und gewann neunzehnhundert
Franken. Acht Tage sp�ter ging er wieder hin und gewann �ber viertausend
Franken. Nach einiger Zeit wollte er zum drittenmal sein Gl�ck
versuchen, aber da verlor er. Es waren zwar nur drei�ig Goldst�cke, aber
der Verlust �rgerte ihn, und er wollte ihn am andern Tag wieder
einbringen. Er verlor. Nun hatte er keine Ruhe mehr und w�hnte, das
Gl�ck erzwingen zu m�ssen. Alln�chtlich sa� er bis gegen die
Morgenstunde am gr�nen Tisch, ruhiger als alle anderen Spieler und von
einer seltsamen Neugier erf�llt, zu erfahren, wann das Mi�geschick
aufh�ren wurde, ihn zu verfolgen.

Nach Verlauf eines Monats hatte er zweiunddrei�igtausend Franken
verloren. Um seine Schulden tilgen zu k�nnen, mu�te er das ganze Depot
erheben, das sich noch in W�rzburg befand. Darauf schrieb er an den
Inspektor nach Erfft, es m�sse eine Anleihe aufgenommen werden, ein ihm
bekannter Agent in M�nchen, an den er sich gleichfalls brieflich wandte,
sollte dazu behilflich sein. Unter gro�en Schwierigkeiten wurden
zwanzigtausend Taler fl�ssig gemacht. Sylvester spielte trotzig weiter,
und in einer Woche verlor er die H�lfte dieser Summe. Nun erkannte er
das Vergebliche seines Eigensinns, und da ihn nicht so sehr die
Leidenschaft als der Wille beherrscht hatte, das dumme, blinde Ungef�hr
zu lenken, bedurfte es nur eines Entschlusses, um ihn von seinem
verh�ngnisvollen Weg abzubringen. Freilich trug dazu ein Ereignis bei,
das auch wie ein Spiel begonnen hatte, aber mit Trauer und Vernichtung
enden sollte.

Durch einen jungen Marineoffizier, den er im Salon der Prinzessin
Mathilde kennen gelernt hatte und der ihm eine herzliche Freundschaft
entgegenbrachte, war er in das Haus des Lords Albany gekommen. Lord
Cecil Albany war ein Mann von ungeheurem Reichtum, der es liebte, die
Wintermonate in Paris zu verbringen und sich durch seinen Aufwand in
gro�en Respekt gesetzt hatte. Er hatte in der Rue St. Honor� einen
Palast gemietet und sah jeden Abend die vornehme Welt bei sich. Doch
geschah dies nur seiner Frau zuliebe, er selbst war ziemlich
menschenscheu und die ihn n�her kannten, schilderten ihn als einen
trockenen, hochm�tigen und rohen Patron. Lady Evelyn war eine echte
Engl�nderin, schlank, anmutig, �u�erlich k�hl, doch in irgendeiner Art
heimlich besessen. Es war eine unverhehlte Tatsache, da� sie den Lord
wider ihren Willen und nur auf den Befehl ihrer Eltern geheiratet hatte.
Sie hatte erkl�rt: Wenn man mich zu dieser Ehe zwingt, so werde ich
alles tun, um mich zu r�chen. Das Zusammenleben mit Lord Cecil best�rkte
ihre Abneigung, und es galt f�r ausgemacht, da� sie ihren Gatten betrog.
Doch ging sie dabei mit List und Heimlichkeit zu Werke, und der Lord
hatte bis jetzt nicht die geringste Ursache gehabt, sich �ber sie zu
beklagen.

Sylvester fand sogleich den Ton, der ihrem romantischen Wesen zusagte,
er gewann ihr Vertrauen, und nach kurzer Zeit standen sie im innigsten
Einverst�ndnis. Sie erg�tzte Sylvester, und er konnte sie nicht ganz
ernst nehmen, obgleich er das Pflanzenhafte an ihr wahrnahm, das
allerdings nur in dieser besonderen Atmosph�re eines Treibhauses
gedeihen konnte.

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Books | Photos | Paul Mutton | Sun 30th Nov 2025, 13:30