Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 16

Sie war nicht von der Art jener K�nstlerinnen, denen ihr Auftreten zur
festlichen Gefahr wird. Sie geh�rte nicht zu denen, die ein Publikum
schm�hen, vor welchem sie zittern. Sie kannte nicht das Fieber der
Vorstunde und die gro�en Geb�rden des Erfolges. Sie war keine Diva, sie
war ein junges M�dchen, das sang. Die Kunst gab ihr keinen Rausch und
keine Ern�chterung, sie war ihr weder Lust noch Plage, sondern eine
Pflicht. In ihr war ein Quell, der �berstr�mte und �berstr�men mu�te,
wenn er sie nicht ersticken sollte. Sie arbeitete t�glich viele Stunden,
doch niemals mit Angst um die ihr gewordene Gabe. Sie hatte Ehrgeiz,
aber nicht den zerst�renden und herzt�tenden; ihr Ehrgeiz glich dem
jener mittelalterlichen Ritter, die Gut und Blut daran setzen, um ihren
Schild fleckenlos zu erhalten. Es war eine dumpfe Bescheidenheit in
ihr; den Gang aufs Podium oder auf die B�hne trat sie mit einem f�r
ihre Umgebung unbegreiflichen Gleichmut an; sie ihrerseits hatte kein
Verst�ndnis f�r die R�nkesucht und das w�rdelose Treiben mancher
Fachgenossen, und deshalb spielte sie nur noch ungern auf dem Theater.

Jeden Morgen erhielt sie Liebesbriefe und Blumen. Die Briefe verbrannte,
die Blumen verschenkte sie. Ehedem hatte sie eine Leidenschaft f�r
Blumen gehabt, jetzt machte sie sich nichts mehr daraus und grollte
ihnen, da� sie solchem Zweck dienen mu�ten. Der Gedanke an Liebe hatte
nichts Befeuerndes f�r sie, er besa� nicht einmal die Kraft, sie zu
erw�rmen; es entstand keine Hoffnung aus ihm, h�chstens in seltenen
Augenblicken eine Furcht. Bisweilen kam es vor, da� sie �ber sich selbst
erstaunte, wenn sie sich so zugeschlossen fand, so k�hl, so
sehnsuchtslos, so allein im Raum, und sie konnte w�nschen, eine Stimme
zu vernehmen, die sie noch nie geh�rt und einen Blick zu sp�ren, der
noch nie auf ihr geruht. Aber nicht mehr als eine Stimme und einen
Blick, nicht mehr; zu viel war schon die Hand, die fremde Hand, die hei�
sein konnte, zu viel das Wort, das l�gen konnte. Ihr war dunkel zumute,
als habe ihre Seele beim Eintritt ins Dasein den mystischen Befehl
empfangen, niemals Flamme zu werden f�r eine andere Seele. Jugend und
Gesang waren wie zwei ineinandergewebte Schleier, die sie nicht
emporheben durfte, wenn sie nicht nackt und wehrlos dem Schicksal
preisgegeben sein wollte.

Es gab aber auch Stunden, wie die der heutigen Nacht, wo ihr Inneres von
einer gleichsam nur getr�umten Unruhe erf�llt war, wo ihre Augen sich
gro� �ffneten wie die eines erwachenden Kindes und sie sich fragte: Wer
bin ich? Was wird aus mir?

* * * * *

In seiner Knabenzeit hatte Sylvester einmal im Herbst in einer Kammer
einen Korb mit frischen Trauben entdeckt. Es war nicht Hunger, was ihn
getrieben, dar�ber herzust�rzen. Da es die ersten Trauben des Jahres
waren, hatte auch die Freude am Anblick der sch�nen Dolden, das
Entz�cken, sie greifen zu k�nnen, seine Gier erweckt. Er war
niedergekniet, hatte jauchzend zwei H�nde voll gepackt und dann das
Gesicht, den Mund, die Z�hne f�rmlich in die Trauben vergraben, so da�
der ausgepre�te Saft nicht nur �ber den Gaumen hinab, sondern auch �ber
das Kinn und die Kleider tr�ufelte.

Daran mu�te er manchmal w�hrend seines Pariser Aufenthaltes denken. Es
war dieselbe Lust an der F�lle, dasselbe unbedachte, gefr��ige
Ansichrei�en. Jeder Tag hatte siebzehn Stunden, oft auch mehr, und keine
Stunde war reizlos. Er hatte gewichtige Empfehlungen mitgebracht, wurde
gl�nzend aufgenommen und f�hrte das Dasein eines gro�en Herrn. Er wu�te
sich zu kleiden, er verstand Geld auszugeben, seine Umgangsformen waren
ohne Tadel, er hatte Bildung und Geschmack, kein Wunder also, da� man
sich um seine Person stritt. Ihm selbst schien es, als h�tten seine
besten Talente bis jetzt geschlummert, als sei er seiner F�higkeiten
jetzt erst sicher und brauche nur zu w�hlen unter den Zaubermitteln,
durch die man die Menschen erobert. Desungeachtet war nichts von Krampf
und k�nstlichem Feuer in seiner Lebensf�hrung. Was an ihm gefiel, war
seine kr�ftige M�nnlichkeit, eine Grazie des Geistes, die dem Deutschen
doppelt angerechnet wurde, und jener angenehme Witz, der nicht verwundet
und andere witzig macht.

Eine ununterbrochene Kette von Vergn�gungen hielt ihn gefangen. Die
k�rperliche Frische, die er mit triumphierendem Behagen t�glich sp�rte,
besiegte jeden Widerstand und gab ihm das Bewu�tsein der Leichtigkeit
und m�helosen Erneuerung. Ich habe zehn Jahre lang gespart, sagte er
sich, nun kann ich Preise bezahlen, die mich nicht schrecken, so hoch
sie auch sein m�gen.

Sie waren hoch. Nicht gewillt, sich mit �u�erer Repr�sentation und einem
oberfl�chlichen Gesellschaftstreiben zufriedenzugeben, suchte er ohne
Scheu Gebiete auf, wo die menschliche Existenz nicht blo� wie ein
harmloses Wasser flutet, wo nicht gef�lliger Schmuck und leer
verpflichtende Worte �ber den Mangel ernsthafter Verbundenheit
hinwegt�uschen, sondern wo aus tieferen Schl�nden die Elemente rauschen
und der sich bewahren m�chte, zur Entscheidung aufgefordert wird. Er
lernte das Paris des zweiten Kaiserreichs gr�ndlich kennen. Ein Schauder
erfa�te ihn, wenn er dieser aus trunkenen M�naden und wahnsinnigen
Silenen gemischten T�nzerscharen inne wurde; wie da alles nur noch
Schall war, was sonst ein Volk aus seinem Taumel ri�, wie jeder nur von
Gnaden des Momentes lebte, aus hohlem �berschwang Freude saugte und
seinen d�rftigsten G�tzen zum Idol aufputzte; wie die Schatten
vergangener Gr��e umherschlichen, um Almosen der Ehre zu erbetteln, wie
jedes Fest zum Bacchanal wurde und Sch�nheit und Unschuld fl�chtiger
waren als der Seufzer eines Ertrinkenden, dies erfuhr Sylvester nicht
ohne Zur�ckbesinnen und Zukunftsfurcht. Aber er wollte nicht Beobachter
sein, er wollte mit diesen leben.

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Books | Photos | Paul Mutton | Sun 30th Nov 2025, 12:19