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Page 14
Nach einer Stunde erwies es sich, da� auch dieser Versuch erfolglos
gewesen war. Sylvester gab sich ohne sonderliches Bedauern zufrieden.
Die allgemeine Erregung ber�hrte ihn peinlich, zumal er auch Leute von
ihr angesteckt sah, f�r die die Kunst nicht mehr war als etwa ein
Hanswurst auf dem Marktplatz.
Er setzte sich an den Lesetisch und vertiefte sich in den Bericht �ber
die letzte Rede, die der Bundeskanzler im preu�ischen Landtag gehalten
hatte. Der Mann interessierte ihn, als Mann noch mehr denn als
Politiker; seine Worte hatten etwas Unbedingtes, doch ihre Kraft wurde
durch vielfach bedingte Verh�ltnisse scheinbar zerbrochen. Er stand wie
in einer Wolke des Zorns, man sp�rte den Willen eines geborenen
Herrschers und ein Feuer, das in Sylvester den Wunsch nach fruchtbarer
Werkt�tigkeit erweckte. Es war ein Augenblick, wo er pl�tzlich die Zeit
empfand wie sonst nur sich selbst, ihrer G�rungen inne ward wie des
unterirdischen Rollens eines fernen Erdbebens und seiner zuschauenden
Dumpfheit sich sch�mte.
W�hrend er noch las, trat einer von den Herren, die ihm so ungest�m
zugesetzt hatten, in Begleitung eines �lteren Mannes zu ihm, den er als
Graf Blumau vorstellte; der Graf hatte ein Billett zu vergeben, da seine
Frau verhindert war, das Konzert zu besuchen. Sylvester nahm es mit Dank
und fuhr ins Hotel zur�ck, um den Frack anzuziehen.
Vor dem Konzerthaus war gro�e Auffahrt. Um acht Uhr sollte die
Produktion beginnen, doch um halb neun war noch ein Teil des Publikums
in der Eingangshalle vor den T�ren festgekeilt. Endlich befanden sich
alle Zuh�rer auf ihren Pl�tzen. Der Raum war so voll, da� die K�pfe sich
auf unbeweglichen K�rpern zu drehen schienen. Der L�rm der Stimmen glich
dem Brummen und Feilen einer ungeheuren Dampfs�ge, und die Hitze stieg
von Minute zu Minute. Sylvester sa� in der Mitte des Saals, dessen beide
Seiten glatte wei�e W�nde hatten; in halber H�he der hinteren Schmalwand
war eine Galerie, deren Sitze f�r die Mitglieder des Hofes und einige
bevorzugte W�rdentr�ger bestimmt waren.
Pl�tzlich erschallte eifriges H�ndeklatschen, dann richteten sich die
Operngl�ser auf die S�ngerin, die das Podium betreten hatte. Sylvester
verschr�nkte die Arme �ber der Brust, was ein Ausdruck von
Kritikbereitschaft war, denn wie es bei eitlen Menschen oft der Fall
ist, waren ihm die Huldigungen unbehaglich, die man einer Person
darbrachte, f�r die er selbst nichts f�hlte und deren Leistungen er aus
Widerspruchsgeist skeptisch zu beurteilen schon jetzt entschlossen war.
Ihr Gang ist zu bed�chtig, um auf Temperament schlie�en zu lassen,
n�rgelte er; dieses Allerweltsl�cheln, das jedem Laffen schmeicheln
soll, ich kenne es; der Klavierspieler hat die Physiognomie eines
Dorfschulmeisters, seine rote Nase erweckt geringe Hoffnung auf seine
F�higkeit; wozu fl�stert sie mit ihm? Kom�die. Im �brigen ist sie gut
gewachsen, das Gesicht ist fein, obschon von deutlich slawischem
Schnitt, die H�nde k�nnten kleiner sein, und die Toilette betont allzu
absichtlich eine bescheidene F�hrung.
Die ersten Takte von Schuberts Wandererlied unterbrachen Sylvesters
�bellaunige Betrachtungen. Es trat eine so lautlose Stille ein, da� es
schien, als h�tten die Menschen von dem Augenblick an, da sich oben die
singende Stimme erhob, keinen Atem, ja keine Seele mehr in ihrem Leib,
als zucke keine Wimper mehr an ihnen, als h�re ihr Blut auf zu flie�en.
Es war eine Bezauberung, die nicht so sehr von der Kunst Gabriele
Tannhausers herkam, von der Kraft und F�lle des Organs, von der
Weichheit und dem seltsam matten Glanz ihrer T�ne, von der Leichtigkeit
des Ansatzes, dem Schmelz und der vogelhaften Nat�rlichkeit der
�berg�nge, obgleich sie diese Eigenschaften, die von zeitgen�ssischen
Kennern zur Gen�ge gepriesen worden sind, in hohem Grade besa� und dabei
jene letzte Meisterschaft erst ahnen lie�, die als Versprechen noch
k�stlicher ist denn als Erf�llung, -- es war eine in ihrem Herzen
wohnende Gewalt, die ihr die Menschen unterwarf, das unbewu�t Bewu�te
eines allgemeinen Leidens, das von stummen Generationen jahrhundertlang
gesammelt wird, um in einem begnadeten Wesen als Gebet und Klage,
Tr�stung und Jubel aufzubl�hen, es war das, was jede Brust f�hlt und
doch nur vom Genius verk�ndet werden kann, das schmerzlich Entselbstete,
unschuldsvoll Prophetische, dem auch die vollendetste Kunst nur Kr�cke
und Behelf ist.
Sylvester str�ubte sich noch immer, trotzdem er jene traumhafte Schw�che
empfand, die sich bei starken Gem�tsaffekten einzustellen pflegt, ja er
wehrte sich mit einer Art von Verzweiflung, die ihn sp�ter erstaunte und
ihm zu denken gab. Das Lied war noch nicht ganz zu Ende, als auf den
Galerielogen ein st�render L�rm h�rbar wurde, der eine nachhaltige
Erregung und entr�stete Rufe veranla�te. Viele Leute wandten sich um,
auch Sylvester schaute hinauf, und er gewahrte, da� zwei Lakaien einen
Mann auf einem Liegesessel bis an die Br�stung trugen und ihn dort
niederstellten. Der Mann, der auf dem Sessel lag, war de Vriendts. Es
graute Sylvester bei dem Anblick dieses Gesichts, welches dem eines
halbtoten Affen �hnelte. Mit �berquellenden Augen starrte de Vriendts
auf das Podium, und seine Kinnlade schlotterte. Gabriele Tannhauser
stutzte; sie schien den tosenden Beifall nicht zu h�ren; auf ihren
Wangen zeigte sich eine zarte, fieberische R�te; sie begann das zweite
Lied: _In questa tomba_; ihre Augen waren unausgesetzt auf das ihr
gegen�ber befindliche Gesicht des Domherrn gerichtet, auf dieses
entfleischte Gesicht, dessen fressende, angstvolle und krankhafte Gier,
dessen vom Tod gezeichnete H��lichkeit auf einmal wie ein Alpdruck �ber
dem ganzen Saal lastete. Auch in Gabrieles Augen war Angst; der
gespenstische Kopf erschien ihr wie eine Drohung; sie empfand ihre
Jugend, ihre Macht, ihre Freiheit als G�ter, die sie nur geraubt; sie
erinnerte sich dieses Gesichts, sie hatte es irgendwo gesehen, und
w�hrend sie nachdachte, klang ihre Stimme reiner, r�hrender und
flehender. Das Publikum raste, als sie geendet hatte, aber auf der
Galerie war ein best�rztes Zusammenlaufen. Man sah den Domherrn mit den
H�nden in die Luft greifen; r�chelnde Laute drangen herunter. Nach einer
Weile kamen die Lakaien und trugen den Sterbenden hinaus. Der
Zwischenfall wurde herumerz�hlt und zu deuten versucht. Im Nu bildeten
sich Legenden, die den Enthusiasmus f�r Gabriele Tannhauser steigerten.
Als sie die letzte Note gesungen hatte, glaubte sich Sylvester in einem
Haufen von Wahnsinnigen. Auf dem Podium erhob sich ein Berg von Blumen,
junge M�nner st�rmten hinauf, junge M�dchen knieten auf den Stufen, aber
Gabriele blickte gelassen in den Tumult; sie hatte den Kopf gesenkt und
ihre niedere Stirn war kindlich verzogen.
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