Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 13

* * * * *

In Karlsruhe machte Sylvester Station. Er besuchte mehrere Freunde, ging
zu Hofe und wurde zu einer Soiree im Schlo� geladen. Vorher hatte er
einen ganzen Nachmittag darauf verwendet, sein Gesicht verj�ngen zu
lassen, und zwar durch Adam Hund, der sich auf diese Kunst meisterlich
verstand. Er hatte alle Utensilien in einem schwarzlackierten,
l�nglichen Kasten, der mit seinen silbernen Spangen wie ein kleiner
Sarg aussah; es befanden sich in ihm Rasiermesser, Schneide- und
Brennscheren, Feilen, B�rsten, Pinsel und K�mme, Puderschachteln und
Salbentuben, verschiedene Gl�ser mit Essenzen, eine Spritze mit
k�lnischem Wasser, und auf der inneren Seite des Deckels war ein
geschliffener Spiegel angebracht.

Adam Hund war ein magerer Mann; dennoch wirkte er fett; alles war hell
an ihm, das Haar, das Gesicht und die Augen; dennoch machte er einen
finstern und unzufriedenen Eindruck, wenigstens solange er nicht redete;
er glich einem Kavalier, dennoch erweckte er ein Gef�hl von
Fadenscheinigkeit. Diese widerspruchsvolle Person, bei der man an allen
Ecken und Enden auf die Gegens�tze der menschlichen Natur stie�, hatte
sich zu Sylvesters Erg�tzen immer mehr als ein unvers�hnlicher
Weiberfeind entpuppt. Das sechsj�hrige Zusammenleben mit der b�sen
Bierbrauerstochter hatte ihn mit t�dlichem Ha� gegen das andere
Geschlecht erf�llt. Er war im Besitz einer Liste, die in alphabetischer
Reihenfolge alle schlechten Eigenschaften aufz�hlte, die er an den
Frauen entdeckt hatte; n�mlich: Aberglauben, Dummheit, Eifersucht,
Eigensinn, Habsucht, Hoffart, Klatschsucht, Launenhaftigkeit,
Leichtsinn, L�genhaftigkeit, Naschhaftigkeit, Neid, Neugier,
Prahlsucht, Putzsucht, Rechthaberei, Sinnlichkeit, Spottsucht,
Streitsucht, Vergn�gungssucht und Verschwendungssucht. �Und in diesen
Pfuhl von Qualit�ten werfen Millionen von M�nnern ihre arme Seele,�
pflegte er auszurufen, mit einer Geb�rde wie Hamlet, wenn er seiner
Mutter den Geist zeigt.

Zuerst hatte er nicht recht begriffen, welchen Zweck die Reise seines
Herrn verfolgte. Der Zwischenfall mit der sch�nen J�din kl�rte ihn in
einer angenehmen Weise auf. Er war �berzeugt, da� sich Sylvester in
einer Lage befand, die der seinigen sehr �hnlich war, nur da� er es
nicht bei unt�tigem Groll bewendet sein lie�, sondern t�tige Rache �bte.
Er soll nur m�glichst viele von den langhaarigen Satanst�chtern ins
Ungl�ck st�rzen, sagte sich Adam Hund, damit sie endlich das Kuschen
lernen, und er hatte das Gef�hl, einer Jagd beizuwohnen, die seine
Dienste als Aufpasser und Spurenfinder in Anspruch nahm.

W�hrend er Sylvesters br�nettem Haar einen jugendlicheren Schnitt gab,
dann den Schnurrbart zurechtstutzte, hierauf das Gesicht mit Fett
bestrich, wie einen Teig knetete und wie eine Metallplatte rieb,
erz�hlte er die Stadtneuigkeiten, die er ausgekundschaftet hatte. �Es
soll jetzt eine S�ngerin hier sein, die das ganze Mannsvolk behext,�
sagte er; �der Erbprinz ist jeden Tag im Theater, wenn sie spielt, und
es hei�t, da� man ihn ins Ausland schicken will, um ein Malheur zu
verh�ten. Ein Legationsrat soll sich ihretwegen erschossen haben, und in
Stockholm, man sollte nicht glauben, da� es dort droben so hitzige Leute
gibt, hat sich ein Buchh�ndlersgehilfe aus Liebe zu ihr ins Meer
gest�rzt. Gabriele Tannhauser hei�t die Kanaille. Das fl�tet und lockt,
blo� damit unsereiner den Verstand verliert. Soll ich ein Billett
besorgen, Herr Baron?�

�Also um meinen Verstand ist dir nicht bange?� fragte Sylvester lachend.

�Nein, Herr Baron; wenn einer die Schliche kennt, droht ihm keine
Gefahr. Sobald ich merke, da� mich jemand mit einem K�der fangen will,
werde ich doch nicht hineinbei�en; ich lauf' auch nicht davon, im
Gegenteil, ich nehme mir den saftigen K�der vom Haken und verspeise ihn,
dann hat der Angler das Nachsehen und ich hab' meine Freude.�

�Na ja, von dir kann man etwas lernen,� entgegnete Sylvester trocken.

Adam Hund hatte seine Arbeit vollendet. Er zog den Frisiermantel von
Sylvesters Schultern, und mit liebkosend gespitzten Lippen blies er
einige H�rchen vom Halse weg. Sylvester trat vor den Spiegel und halb
mit Spott, halb mit Befriedigung betrachtete er sein Bild. Er sah jung
und gesund aus. Seine Augen gl�nzten. Er l�chelte, um seine Z�hne zu
pr�fen; sie hatten eine erfreuliche Wei�e und Dichtigkeit. Nun
vollendete er seinen Anzug und verlie� tr�llernd das Zimmer. Wenn jetzt
noch die Sonne schiene, w�re ich ein gl�cklicher Mensch, dachte er in
einem eigent�mlichen Zustand von Vergessen und Erwartung.

Er ging ins Kasino und h�rte, da� an allen Tischen von dem Konzert
gesprochen wurde, das Gabriele Tannhauser an diesem Abend veranstaltete.
Er wurde gefragt, ob er eine Eintrittskarte habe und mu�te verneinen.
�Und Sie haben sie noch nicht geh�rt?� -- �Nein.� -- �Nie geh�rt?�
-- �Nie.� -- �Und wollen abreisen, ohne sie geh�rt zu haben?� -- �Was
soll ich tun?� -- �Es ist die letzte Gelegenheit, vielleicht auf Jahre;
sie geht jetzt nach London und dann, wie es hei�t, nach Amerika.� --
�Wenn ich Ihnen raten darf, so zahlen Sie jeden Preis f�r ein Billett.�
-- �Man hat mir keines angeboten.� -- �Lassen Sie mich daf�r sorgen, ich
werde mich an den Impresario wenden.�

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Books | Photos | Paul Mutton | Sun 30th Nov 2025, 8:52