Stufen by Christian Morgenstern


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Page 67

Alle Erziehung, ja alle geistige Beeinflussung beruht vornehmlich auf
Best�rken und Schw�chen. Man kann niemanden zu etwas bringen, der nicht
schon dunkel auf dem Wege dahin ist, und niemanden von etwas abbringen,
der nicht schon geneigt ist, sich ihm zu entfremden. Der bedeutende Mensch
ist ein Mensch, an dem viele andre sich klar werden. Er greift in ihr
Unbewu�tes und Unterbewu�tes und st�rkt dort das ihm Verwandte. Wenn
Lichtenberg von seinem Aberglauben redet, so schw�cht er damit die
Mannhaftigkeit vieler; denn ihre heimliche Neigung zum Unkontrollierbaren
f�hlt sich durch einen solchen Mann ein wenig gerechtfertigt, die strenge
Zucht scheint ein wenig im Werte sinken zu d�rfen. Wenn er aber von einem
gel�uterten Spinozismus als der Religion der Zukunft spricht, wie f�llt da
sein Wort bei manchem wie ein Fr�hlingsregen auf Saatfelder. Wie st�rkt er
da unser Feinstes, Tiefstes, Geistigstes.

* * * * *

Es gibt keinen strengeren Erzieher als den Ehrgeiz. Wobei freilich au�er
Betracht bleibt: wozu?

* * * * *

Wer m�chte die Furcht in seiner Erziehung entbehren?

* * * * *

Jeder mu� seinen Mann haben, der ihm �ber die Schulter sieht, und dieser
wieder seinen und so fort. Das ist nur gut und billig; so allein kommt der
Mensch vorw�rts.

* * * * *

Wir freien Geister von heute sind nicht mehr der Gefahr ausgesetzt,
gekreuzigt oder verbrannt zu werden. Um so mehr will es der Anstand und
die Solidarit�t, aufs neue Gefahren zu suchen und zu schaffen, und sollten
es die der Selbstkreuzigung, der Selbstverbrennung sein.

* * * * *

�bung ist alles, und insofern ist Genie Charakter.

* * * * *

Sieh dir ein gut beschicktes Trabrennen an. Und du wirst merken, worauf's
ankommt, auch bei dir.

* * * * *

Zu einem andern Ende kommen wir nicht als zu dem: im Begonnenen
unerm�dlich weiter zu arbeiten, aber nicht in Verzweiflung und
Selbstbet�ubung, sondern indem wir jede Sekunde dieser Arbeit immer mehr
durchseelen, immer innerlicher bejahen, immer entschiedener vergeistigen.
Was denn schlie�lich auch unserer H�nde Werk sich wunderlich wandeln
machen wird, so da�, wenn einer etwa im Kriegshandwerk begann, er, wer
wei�, als Kolonisator endet, oder als Kriegsmann irgend einer andern
h�heren Kriegsidee, als es die der bisherigen Kriege war.

* * * * *

Wenn wir bedenken, wieviel hunderttausend Jahre wir wohl alt sein m�gen,
werden wir geduldiger gegen das Tempo unserer heutigen Entwickelung
werden. Die von uns heute so ungest�m begehrte edlere Zukunft unseres
Geschlechtes wird sich vielleicht schon noch einmal verwirklichen, aber
statt in Jahrhunderten erst in Jahrtausenden. Das ist freilich kein Trost
f�r den Lebenden; aber der Lebende hat einen andern Trost: da� ihm f�r
seine Person schon heute die M�glichkeit gegeben ist, sich selbst so edel
zu verwirklichen, wie er nur kann. Die Insichvollendung des Menschen ist
jederzeit und �berall m�glich; zuletzt bleibt doch diese Erkenntnis und
was sie fruchtet, der einzige wahre Fortschritt.

* * * * *

A. Zuk�nftige Ideale ziehen den Menschen davon ab, sich selbst als sein
einziges Ideal, im ethischen Sinne, zu setzen. In dem Moment, wo jeder bei
sich anfinge, w�re die sch�nste Zukunft vorweggenommen.

B. Ich will dir etwas sagen, Lieber: statt so zu theoretisieren, fange
doch gleich bei dir selbst an. Auch dein Reden ist n�mlich nur ein Umgehen
deiner Pflicht. Bilde, K�nstler, rede nicht.

* * * * *

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Books | Photos | Paul Mutton | Sun 18th Jan 2026, 11:51