Stufen by Christian Morgenstern


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Page 59

Und nicht helfen k�nnen, nicht helfen d�rfen, es hat gewi� nicht minder
bittere Tr�nen erpre�t als: wo man's vermocht und sollte, nicht geholfen
haben.

* * * * *

Man findet deshalb so wenig Menschenliebe, weil dem �u�eren meist zu viel
Wichtigkeit beigelegt wird. Aber es ist damit wie mit der Kleidung. So
mannigfaltig sich der Mensch auch tragen mag, in der H�lle steckt allemal
Adam und Eva, der homo sapiens-insipiens, dasselbe allerletzten Endes
unablehnbare Geschwister.

* * * * *

Was ist der Mensch, da� er nicht alles hingeben sollte -- um des Menschen
willen! In dem Ma�e, wie der Wille und die F�higkeit zur Selbstkritik
steigen, hebt sich auch das Niveau der Kritik am andern.

* * * * *

Wer den Einzelnen als einen Wanderer betrachtet, der immer wiederkehrt,
wird aufh�ren, ihm entgegenzuarbeiten. Er sieht sich Schulter an Schulter
mit ihm gehn und erkennt die Sinnlosigkeit jeglicher Feindschaft zwischen
ihm und sich. Mag der Andre noch sein Feind sein wollen, er selber
empfindet ihn nicht mehr als Feind; f�r ihn f�llt er, wenn er sich und ihn
sub specie aeterni anschaut, mit ihm selber beinahe zusammen. Mag der
Andre ihn noch hassen, ja verachten, er selber wird nichts begehren, als
ihm zu helfen, zu n�tzen, zu dienen. Er wei�, wie alles zusammenh�ngt.
Nicht fabelt er unbestimmt von Zusammenhang, sondern der Zusammenhang
liegt klar vor ihm.

* * * * *

Frage und Pr�fung:

Was kannst du?

Kannst du dich verkennen, beschimpfen, beschuldigen lassen, ohne auch nur
einen Schatten von Zorn wider den Bruder zu f�hlen?

Noch mehr: Kannst du Unrecht leiden ohne Groll? Man kerkert dich ein, man
foltert dich, man h�ngt dich auf -- gesetzt, du fielest unter Wilde oder
gerietest vor ein russisches Gericht oder unter eine aufgeregte
amerikanische Volksmenge. K�nntest du dann leiden und sterben -- ohne
Verw�nschung?

* * * * *

Wir sollten immer nur charakterisieren wollen, nie kritisieren.

* * * * *

Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den Andern, in Wirklichkeit
aber den eigenen Herrn verst�mmelt.

* * * * *

Wer nicht zuvor sich selbst vorschreibt, wird auch den Menschen nie
vorschreiben d�rfen. Man kann dem Wesen der Macht nichts abmarkten.

* * * * *

Bemerke, wie die Tiere das Gras abrupfen. So gro� ihre M�uler auch sein
m�gen, sie tun der Pflanze selbst nie etwas zuleide, entwurzeln sie
niemals. So handle auch der starke Mensch gegen alles, was Natur hei�t,
sein eigenes Geschlecht voran. Er verstehe die Kunst vom Leben zu nehmen,
ohne ihm zu schaden.

* * * * *

Wenn der moderne Gebildete die Tiere, deren er sich als Nahrung bedient,
selbst t�ten m��te, w�rde die Anzahl der Pflanzenesser ins Ungemessene
steigen.



1910


Man h�te sich vor Lieblingsvorstellungen, Lieblingsideen. Dergleichen
lenkt einen blo� von der gro�en Liebe ab, die sich allein auf die
Menschheit in ihrem Vorw�rtskommen richten soll; dergleichen sind blo�
Fallgruben der Eigenbr�delei, Sackgassen der Egoit�t. Mag sich ins
Kornfeld werfen, den Himmel angucken und Tr�ume spinnen, wer die
Wirklichkeit noch nie geschaut hat; wem die Augen offen wurden, der wei�,
da� es f�r ihn nur noch einen modus vivendi gibt, den des entschlossenen
Realisten der Liebe.

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Books | Photos | Paul Mutton | Sat 17th Jan 2026, 20:59