Der Mann von vierzig Jahren by Jakob Wassermann


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Page 50

Diese Heldentat eines getreuen Dieners geh�rt, obwohl sie in
bescheidenes Dunkel geh�llt blieb, zu den wunderbarsten eines an
r�hmlichen und ber�hmten Heldentaten reichen Tages.

* * * * *

Das Schlo� Dorival war in ein Lazarett verwandelt worden, und hier fand
Sylvester Unterkunft. Seine Heilung machte anfangs nur langsame
Fortschritte, denn die Verletzung war lebensgef�hrlich und die Pflege
bei der gro�en Anzahl von Verwundeten nicht ausreichend. In den Zimmern,
auf den Korridoren, sogar in den Kellern lagen die Soldaten in langen
Reihen und der Anblick des Blutes und der furchtbaren Wunden, das
markersch�tternde Geschrei der Leute, denen Gliedma�en abges�gt oder
Geschosse aus dem Fleisch geschnitten wurden, bedr�ckte Sylvesters Gem�t
und machte seinen Lebenswillen stumpf.

Aber nach einer Woche, als es in den sch�nen alten Gem�chern des
Schlosses etwas ruhiger geworden war, kam Agathe, und unter ihren
sorgsamen H�nden nahm die Wiederherstellung Sylvesters einen rascheren
Verlauf. In den ersten beiden N�chten hatte sie in ihren Kleidern neben
dem Lager des Gatten ruhen m�ssen, sp�ter verschaffte ihr der Oberarzt
in der Wohnung des Kastellans ein notd�rftiges Quartier. Ihre Umsicht,
Entschlossenheit und Unerm�dlichkeit gereichten nicht nur Sylvester,
sondern auch vielen seiner Leidensgef�hrten zum Segen. Sie schrieb
Briefe f�r die Verwundeten, brachte ihnen Erfrischungen, half beim
Verbinden, und ein blo�es Wort von ihr wirkte manchmal Wunder, ein Blick
fl��te Zuversicht ein, eine Ber�hrung zauberte die Hoffnung in
verfinsterte Augen. Es schien eine neue Kraft �ber sie gekommen, eine
neue Seele, eine neue Jugend. Ihr Schritt war elastisch, ihre Stimme
sonor wie ein Cello und von jener besonderen Resonanz, die nur die
innere Freude gibt. Die ruhige Heiterkeit ihres L�chelns erregte
Sylvester oft, wie einen Gefangenen der Gedanke an die Freiheit erregt.
War sie ihm bisweilen fremd wie ein Bild, so war sie ihm zu andern
Stunden vertraut wie eine Schwester; sp�rte er gleich f�r sie nicht das,
was er Leidenschaft nannte, so stillte doch das Gef�hl ihrer Gegenwart
alle Unzufriedenheit in ihm.

Eine r�tselhafte Scheu verhinderte ihn lange, ihr von der Begegnung mit
Achim Ursanner zu erz�hlen. Als er es endlich tat, war er nicht wenig
betroffen von der Art, wie sie es aufnahm, ohne Staunen, ohne ein
sichtbares Zeichen der Ergriffenheit. Offenbar d�nkte ihr die F�gung so
schicksalsvoll und so mit dem innersten Sinn ihres Daseins, ihrer
Zukunft verwebt, da� sie ihm w�hrend seiner Erz�hlung den Eindruck eines
Menschen machte, dem man ein Ereignis berichtet, dessen Zeuge er gewesen
ist. Da erkannte er, wieviel M�rchenhaftes, Wunsch- und
Wahnversponnenes selbst in einer Frau wie Agathe verborgen war, die mit
ihren beiden F��en fest auf der wirklichen Erde stand. Was aber dabei in
ihr vorging und wie sie das Geschehene in ihrem Geist ordnete, vermochte
er nicht zu ergr�nden, wollte es auch nicht ergr�nden. Ihm schien, da�
dieses Geheimnis sie reicher und reiner mache. Einige Tage sp�ter sagte
sie zu ihm, der Gedanke schmerze sie, da� Achim Ursanner in einem
Massengrab vermodern solle, und Sylvester versprach, daf�r Sorge zu
tragen, da� der Leib des ungl�cklichen Freundes eine w�rdige Ruhest�tte
erhalte. Er bedachte aber die Schwierigkeiten nicht, die der Erf�llung
eines solchen Versprechens begegneten. Es war unm�glich, den Leichnam
unter den Tausenden von Toten aufzufinden oder zu erfahren, in welche
Grube er eingescharrt worden war.

Obwohl Sylvesters v�llige Genesung noch mehrere Monate dauern mu�te,
erlaubten die �rzte nach drei Wochen den Transport in die Heimat. Dieser
wurde auch mit schicklicher Vorsicht und ohne �ble Folgen durchgef�hrt.
Adam Hund begleitete Sylvester und Agathe. Er hatte den Arm in der
Binde, und es war ziemlich sicher, da� seine Hand lahm bleiben und nie
wieder erquickende und n�tzliche Sentenzen auf allerlei Briefpapier
verewigen w�rde, es sei denn, sie �bertrug dieses Amt an ihre Gef�hrtin
zur Linken. Doch war Adam Hund deswegen nicht verhindert, in seinem
Umgang mit gew�hnlichen Sterblichen ein majest�tisches Benehmen f�r
angebracht zu halten, und trotzdem ihm Frau Brigitte Hund nicht den
Gefallen erwiesen hatte, mit ihrem Galan das Weite zu suchen, oder nur
in angreifbarer Form sich blo�zustellen, trotzdem sie ihm nach wie vor
die Suppe versalzte und den Brotkorb hoch hing, raubte ihm die
Beimischung von Ehebitternis nichts von seiner innerlichen Glorie, ja
sie war vielleicht ersprie�lich, damit sein Selbstgef�hl nicht zu einer
Art von Trunkenheit wurde. Die Ursache des eitlen und verstiegenen
Wesens war, da� er sich w�hrend des Krieges einen Vollbart hatte wachsen
lassen und im Bewu�tsein dieses m�nnlichen Schmuckes, dessen ungeahnte
Gl�cksquellen er nie zuvor ermessen hatte, von einer Begeisterung f�r
seine eigene Stattlichkeit durchdrungen war, die viele Menschen
unwillk�rlich n�tigte, ein so echtes und �berzeugendes Gef�hl zu teilen.
Es hei�t, da� sogar Frau Brigitte gegen�ber dieser unwiderstehlichen
Kriegstroph�e Regungen von Z�rtlichkeit an den Tag gelegt haben soll.

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Books | Photos | Paul Mutton | Sun 5th Apr 2026, 11:57