Michelangelo Gedichte und Briefe by Michelangelo Buonarroti


Main
- books.jibble.org



My Books
- IRC Hacks

Misc. Articles
- Meaning of Jibble
- M4 Su Doku
- Computer Scrapbooking
- Setting up Java
- Bootable Java
- Cookies in Java
- Dynamic Graphs
- Social Shakespeare

External Links
- Paul Mutton
- Jibble Photo Gallery
- Jibble Forums
- Google Landmarks
- Jibble Shop
- Free Books
- Intershot Ltd

books.jibble.org

Previous Page | Next Page

Page 2

Wie er die Gespräche mit gelehrten Menschen sehr liebte, so fand er auch
Ergötzen am Lesen der Schriftsteller, ob sie nun in Prosa oder in Versen
schrieben, und besonders trägt er Verehrung für Dante, dessen wunderbares
Genie ihn anzieht, und dessen Werke er fast ganz in treuem Gedächtnis
bewahrt. Den Petrarca schätzt er vielleicht fast eben so hoch. Doch
begnügte er sich nicht damit, sie zu lesen, sondern fand auch seine Lust
daran, selbst zu dichten, und manche seiner Sonette legen für die grosse
Kraft seiner Erfindung und seinen reinen Geschmack gutes Zeugnis ab ...
Aber all dies trieb er nur zu seinem Ergötzen und masste sich keinerlei
Sachkenntnis darin an, setzte sich selbst vielmehr stets herab und betonte
seine Unerfahrenheit in solcherlei Künsten.

Mit gleichem Eifer und gleicher Aufmerksamkeit las er die heiligen
Schriften des Alten und Neuen Testaments und suchte mit stetem Bemühen in
ihren Sinn einzudringen. Gleicherweise studierte er die Werke Savonarolas,
zu dem er stets grosse Zuneigung hatte, und noch bewahrt er im Gedächtnis
den lebendigen Klang seiner Stimme.

Auch liebt er die Schönheit des Körpers, ist er doch am tiefsten mit ihrem
Wesen vertraut. Ja er liebt sie so sehr, dass sinnliche Menschen, die nur
in unlauterer und unehrenhafter Weise die Schönheit zu lieben vermögen,
Schlimmes von ihm dachten und sagten. Und doch wurde Alcibiades, der
überaus schöne Jüngling, von Sokrates mit der keuschesten Liebe umfasst und
er pflegte zu sagen, so oft er an dessen Seite geruht habe, sei er nie
anders als wie ein Sohn von der Seite des Vaters aufgestanden. Ich habe oft
Michelangelo über die Liebe reden und sich unterhalten hören, habe aber
stets, auch von den übrigen, die dabei waren, vernommen, dass er nicht
anders über die Liebe spreche, als wie bei Plato geschrieben steht. Ich
weiss ja nun nicht, was Plato über diesen Gegenstand sagt; das aber weiss
ich gewiss, dass ich lange seinen vertrauten Umgang genoss und aus seinem
Munde stets nur Worte von strengster Lauterkeit vernahm, die in jedem
Jüngling alle ungeordneten und zügellosen Wünsche niedergezwungen und
ausgerottet hätten. Und dass sein Geist hässliche Gedanken nicht duldete,
kann man auch daraus erkennen, dass er stets nicht nur die
Menschenschönheit liebte, sondern alles Schöne, ein schönes Pferd und einen
schönen Hund, die Schönheit einer Landschaft, eines Berges, eines Waldes,
jede schöne Gegend und jegliches schöne und in seiner Art seltne Ding mit
tiefer und wunderbarer Verehrung anschaute. So entnahm er überall der Natur
das Schöne, wie die Bienen aus den Blüten den Honig sammeln, und legte es
in seinen Werken nieder. Das haben aber alle die getan, die sich in der
Kunst eines grösseren Rufes erfreuten. Jener Meister des Altertums begnügte
sich, um die Venus zu bilden, nicht damit, nur _eine_ Jungfrau zu sehen,
sondern er wollte viele anschauen. Und indem er so von jeder das Schönste
und Vollendetste nahm, schuf er daraus die Göttin. Und so viel steht fest:
wer sich einbildet, er werde auf anderem, als auf diesem Wege, der allein
zur rechten Anschauung führt, Grosses in der Kunst leisten, der täuscht
sich in verhängnisvoller Weise.

In seinem ganzen Leben beobachtete Michelangelo eine grosse Mässigkeit und
bediente sich, zumal wenn er arbeitete, mehr aus Notdurft als zum Genusse
der Speise. Meist begnügte er sich dann mit einem Stück Brot, das er ass,
ohne die Arbeit zu unterbrechen ... Oft hörte ich ihn sagen: "Ascanio, wenn
ich auch noch so reich war, stets habe ich arm gelebt." Und wie er nie viel
ass, so schlief er auch wenig; pflegte er doch selbst zu sagen, der
Schlummer habe ihm nie gut getan, habe ihm vielmehr fast immer, wenn er
länger geschlafen habe, Kopfschmerzen verursacht. Als er noch von
kräftigerer Gesundheit war, schlief er öfter in Kleidern und Stiefeln --
dieser bediente er sich, weil er stets am Krampf litt und noch aus anderen
Gründen -- und manchmal liessen sie sich so schwer ausziehen, dass mit den
Stiefeln auch die Haut mitging, so wie es bei der Schlange geschieht, wenn
sie sich häutet.

Nie geizte er nach Geld, noch strebte er danach, Reichtümer aufzuhäufen;
vielmehr war er zufrieden, wenn er genug besass, um ruhig leben zu
können ... Viele seiner Werke hat er verschenkt und hätte doch durch ihren
Verkauf unermessliche Summen lösen können ... Er war aber nicht nur mit
seinen Werken freigebig, sondern hat auch oft einem armen, doch tüchtigen
jungen Menschen, der sich den Künsten oder der Wissenschaft widmete, mit
seiner Börse geholfen; ich kann das bezeugen, denn mir selbst ist so von
ihm geschehen. Nie war er neidisch auf die Erfolge anderer in seiner Kunst,
und das mehr aus natürlicher Herzensgüte, als weil er von sich selbst eine
hohe Meinung hätte. Er lobte das Gute in allen, selbst in Raffael von
Urbino, mit dem er doch, wie ich oben schrieb, im Felde der Malerei manchen
Kampf ausgefochten hat. Nur hörte ich ihn sagen, Raffael habe seine Kunst
nicht von der Natur erhalten, sondern sie sich durch langes Studium
erworben ...

Er besitzt ein ausserordentlich treues Gedächtnis, so dass er, der doch,
wie man sehen kann, Tausende von Gestalten gemalt hat, nie auch nur zwei
bildete, die sich ähnlich gesehen, oder die gleiche Haltung eingenommen
hätten. Ich hörte ihn sagen, dass er keine Linie ziehe, ohne zu wissen, ob
er sie bereits einmal gezogen habe; und wenn dies geschehen ist, lässt er
sie nie stehen, falls das Werk für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Auch
besitzt er eine ungeheure Kraft gestaltender Phantasie, und daher kommt es
vor allem, dass er stets so unzufrieden mit seinen Werken ist, und sie
stets herabsetzt, denn noch nie schien es ihm, als sei es seiner Hand
gelungen, das Bild zu formen, wie es in seinem Innern aufstieg. Und aus den
gleichen Gründen ist er schüchtern, wie es die sind, die sich in Musse
einem beschauenden Leben hingeben. Nur wenn ihm oder anderen Unrecht
zugefügt wird, oder man seine Rechte verletzt, flammt er in gerechtem Zorne
auf. Dann aber ist die Wucht seiner Abwehr grösser, als bei denen, die man
für mutig hält ..."

Previous Page | Next Page


Books | Photos | Paul Mutton | Thu 8th Jan 2009, 22:16