Der Kalendermann vom Veitsberg by O. Glaubrecht


Main
- books.jibble.org



My Books
- IRC Hacks

Misc. Articles
- Meaning of Jibble
- M4 Su Doku
- Computer Scrapbooking
- Setting up Java
- Bootable Java
- Cookies in Java
- Dynamic Graphs
- Social Shakespeare

External Links
- Paul Mutton
- Jibble Photo Gallery
- Jibble Forums
- Google Landmarks
- Jibble Shop
- Free Books
- Intershot Ltd

books.jibble.org

Previous Page | Next Page

Page 1

Denn an's Wunderbare gränzt der Fortschritt, den unsere Zeit vor den
früheren gemacht hat, unsere Zeit, die so Vielen nicht gefallen will.
Manchen gefällt sie nicht, weil sie nicht schnell genug geht, weil der
junge Mensch, der mit hoffendem Herzen in sie hineintritt, nicht seine
Zeit, oder vielmehr Gottes Zeit mit ihm, abwarten kann, und murret und
klagt, daß ihm nicht schnell genug geholfen werde.

Höre doch einmal, du Unzufriedener, von der Väter Zeit; die lehrte
warten. Da war auch das Herz der Jugend ungestüm, aber die lange
Wartezeit machte es kühl; da ward auch die Jugend gelehrt und
unterwiesen, länger und fast gründlicher, denn jetzt; aber die Mühe fand
nicht so schnell ihren Lohn; das Brod kam oft lange in kleinen Laiben
nur in's Haus, und unter Geduld und Warten mußte es im Schweiße des
Angesichtes gegessen werden. Wie viele Meister gab es damals, die
niemals eine eigne Werkstätte erlangten, sondern froh sein mußten, Zeit
Lebens das Gesellenbrod zu essen! Wie viel Künstler gingen damals umher,
den Kopf voll großer Entwürfe und schöner Gedanken, und war Niemand da,
der sie verstand! Wie viel studirte Leute, die was Tüchtiges gelernt
hatten, sah man noch über die Mitte ihres Lebens hinaus umhergehen und
nach einem Aemtchen suchen, das ihnen das tägliche Brod geben könnte,
und suchten oft lang und immer vergebens! Wie ist in dem langsamen,
tiefgründigen Strom jener Zeit so manches Haupt untergegangen, das man
jetzt hochheben würde, damit es seiner Zeit leuchte! Wie ist damals
manches Herz in Ungeduld und Trübsinn gebrochen, dem nichts gefehlt
hätte, als ein verwandtes Herz, daran sich's anschmiegen und festhalten
konnte!

Aber wie viel schöne, stille Bilder der Genügsamkeit, wie viel Bilder
der Gottseligkeit und einer Tugend, die wir fast nicht kennen, bot auch
wieder jene Zeit dar! Manches Herz, dem die Welt nicht hielt, was sie
ihm versprach, baute sich ungekannt von ihr ein stilles Haus des
Gottesfriedens. Unzerstreut und unverworren durch das Geräusch der Welt
ward Mancher ein Weiser in Gesinnung und in That und half das Reich
Gottes im kleinen, engen Raum ausbauen.

Von einem solchen weiß ich dir zu erzählen, mein lieber Leser, und bitte
dich, du mögest mir in jene Zeit folgen, wo in unserm lieben Deutschland
das äußere Leben noch gar eng und klein war, wo aber das Leben, das aus
Gott ist, in manchem Dörfchen, in manchem unscheinbaren Haus eine
trauliche Stätte gefunden hatte, und dort zu Thaten trieb, die _auch_ in
Gott gethan waren. Erwartest du, daß ich dir von Menschen erzähle, die
Tausende beglückt oder über die Tausende geweint, daß ich dich mit
Staunen erregenden Begebenheiten unterhalte, oder wohl gar
Mordgeschichten dir vor's Auge führe, wie das hin und wieder geschieht;
dann, mein lieber Leser, lege das Büchlein schon jetzt bei Seite. Nein,
in ein stilles Dörfchen, auf einer grünen Höhe im lieben Vaterland, will
ich dich führen; in ein Häuschen will ich dich geleiten, arm und klein;
von einem Manne will ich dir erzählen, der im kleinen Kreise des Guten
viel that, und heiß geliebt und innig betrauert zum Herrn ging, an den
er im Leben treu geglaubt hatte. Noch spricht man in jenen Thälern, wo
unsere Geschichte sich zugetragen, vom Kalendermann vom Veitsberg, noch
steht sein Häuschen in seinem alten Zustande da, noch grünen die Bäume,
die er gepflanzt, noch weht sein guter Geist des Glaubens und der Liebe
in den Enkeln seiner Schüler. Ist auch Manches untergegangen, was er
gewirkt, sein Gedächtniß lebt noch im Segen, und manches Blatt Papier
gibt hier und da Zeugniß von seinem Fleiß und seiner Frömmigkeit.

Und so begleite mich denn, mein lieber Leser, in die Heimath des
Kalendermanns. Ich weiß gut Bescheid daselbst, denn sie ist auch meine
Heimath, mein liebes Hessenland, mit seinen grünen Hügeln und waldigen
Höhen und fruchtbaren Ebenen, auf die Gottes Auge allezeit segnend
herabblicken möge! Während ich die gelben Blätter betrachte, die der
Kalendermann geschrieben, denk' ich der Zeit, wo ich am Haag, der sein
Grab umgränzt, Veilchen gesucht, oder von seinen Bäumen die Kirschen
gebrochen. Lieb ist mir sein Gedächtniß, möchte es auch dir lieb werden!





2. Der Gallusmarkt.


Es war Gallustag des Jahres 17.., und in Grünberg, dem freundlichen
Städtchen im Lande Hessen, war Jahrmarkt. Weithin über die Felder am
westlichen Theile der Stadt breitete sich eine vielfache Reihe von
Zelten aus, manche einfach von Leinwand, manche groß und mit mehr Kunst
von Baumästen aufgeführt, zum Nutzen und Vergnügen der Marktgäste. Da
sah man hoch aufgeschichtet die Holzwaaren vom Vogelsberg, Löffel und
Küchengeräthe, zierlich mit Figuren geschmückt, und vor Allem
Spinnräder, bunt von Farben und künstlich ausgedreht, mit Ringlein und
hölzernen Springmännlein, die bei jedem Umschwung des Rades tanzten.
Zwischen den Spinnrädern durch gingen sittig und prüfend die Mägdlein,
mit den Krämern feilschend, und der Winterabende gedenkend, wo die
bunten Räder zum lustigen Gespräch der Spinnstube schnurren sollten.

Previous Page | Next Page


Books | Photos | Paul Mutton | Sun 15th Sep 2019, 16:35